Hochsauerland
Wir haben zum ersten Mal einen Urlaub komplett durchgezogen: Vom ersten Tag bis zur letzten Minute. Das kann daran liegen, dass wir nur drei Tage unterwegs waren, aber sicher bin ich mir nicht.
Was dabei geholfen hat, durchzuhalten:
Wir haben viel Platz gemietet. Jedes Kind ein eigenes Schlafzimmer, zwei Bäder, viele Sofas, eine Terrasse. Viel Platz ist wichtig für uns. Wir müssen uns auch zurückziehen und aus dem Weg gehen können.
Wir waren komplett am Arsch der Welt, in einer konsumfreien Umgebung, um uns herum nur Berge, Greifvögel und tote Fichtenwälder. Was es nicht gab: Einkaufsläden, Reklame, Straßenverkehr, Gewerbe. Was es auch nicht gab: Kioske, an denen man eine kleine Limo kaufen kann.
Wir haben nur eine außerhäusige Sache pro Tag gemacht: Am ersten Tag links den Berg hoch, am zweiten Tag rechts den Berg hoch, am dritten Tag runter in den Ort. Den Rest der Zeit gab es keine Pläne.
Drei von uns haben ein Handy und wir hatten alle nicht so Bock drauf. Die große Tochter hat ihres ganz zu Hause gelassen, dieses Verhalten war neu und führte zu Interessantem: Sie hat sich an den Tisch gesetzt und Schlagzeugnotation aus Musikstücken rausgehört und sie mit einem Bleistift festgehalten. Weil ein Anspitzer fehlte, hat sie mit einem Messer den Bleistift scharf geschnitzt. Ich weiß nicht, wann sie das letzte Mal so hart am Ingenieurwesen dran in der echten Welt gewesen ist. Wir hatten einen Spaziergang den rechten Berg hoch nur mit ihr allein und sofort waren ihre Füße nass und die Hose zu lang und die Jacke zu warm und ihre ganze energy war so fucking messy und funny, dass ich für ihr gesamtes Leben wusste: Sie kommt klar.
Die kleine Tochter hat viel gemalt und Gitarre gespielt und mit ihr waren wir allein unten im Ort auf dem Spielplatz und haben neben dem Schloss Tischball gespielt. Das Schloss ist in Privatbesitz, wir sehen es nur von außen. Warum ein Schloss aus dem sechsten Jahrhundert heute einzelnen Menschen gehören kann und nicht allen, ist ihre Frage.
Die beiden hatten meine Mütze auf. Der einen ein bisschen groß, der anderen viel zu groß. Ihre tollen Köpfe unter meiner Mütze.
Der Mann und ich haben Mittagsschlaf gemacht und Kuchen gegessen. Wie wenig das Handy fehlt. Wie scheiße es ist, ein Handy zu haben.
Eine heiße Dusche, an der kein Wassersparduschkopf drangeschraubt ist.
Abends Tagesschau gucken wegen der Astronaut*innen.
Ich habe auf der Terrasse in der Sonne mit einem Kaffee einen neuen Pulli begonnen und dabei auf den linken Berg geschaut. Wenn ich Sachen in einer anderen Umgebung stricke, steckt die andere Umgebung irgendwie für immer in den Sachen drin. Das ist halbmagisch und macht das Stricken und das Tragen von Gestricktem noch schöner.
Seit ein paar Monaten lese ich ein Buch mit viel Drachen und viel Kämpferei und viel Geschlechtsverkehr. Der Inhalt ist komplett insane, ständig sterben Hauptfiguren fast, aber werden in der letzten Sekunde durch Zufall oder irrwitziges Können gerettet und es macht überhaupt nichts, wenn man mal ein paar Wochen lang nicht weiterliest. Das Erzählen ist komplett aufs dopamingestörte Hirn abgestimmt: Kurze Sätze, kaum Beschreibungen, eine endlose Aneinanderreihung von Wildem. Wie Zucker: Man versteht sofort die Idee, es knallt und hinterher fühlt man sich nicht besser. Es ist ein wirklich schlimmes Buch und ich habe eine akzeptierende Haltung gefunden, dass ich es momentan lese.
Wir haben ein neues Brettspiel angefangen: So richtig gecheckt hab ichs noch nicht, aber man baut gemeinsam ein Dorf, das aus Stickern besteht. Unser erster Dorfbewohner war ein Freimaurer, noch vor einem Gurkenfeld. Wir hatten gemischte Meinungen und darum wohnt er jetzt ganz außen am Rand und hat einen langen Weg zum Brunnen. Das Spiel dauert zehn Jahre und das erste haben wir geschafft.
Am letzten Abend war der Mann remote verabredet, um irgendwie als französischer Schlawiner übers Weltmeer zu schippern, Zombieseeräuber zu jagen und alles von zwanzigseitigen Würfeln abhängig zu machen. Was weiß denn ich. Wir hatten so viel Platz gemietet im Sauerland. Die Töchter und ich haben uns in meinem Bett getroffen und die eine hat ein Spiel ihrer Kindheit gespielt, die andere eine Serie geschaut, vom Mann sind alle paar Minuten inkohärente Monologfetzen rübergeschwebt, wir haben gekichert und ich habe all das in meinen Pulli gestrickt.
Es waren schöne drei Tage und wir hatten keinen Grund, eher nach Hause zu kommen.










