Aushalten

Desintegration bedeutet die Anerkennung der radikalen Vielfalt der deutschen Gesellschaft. Sie will eine Situation, in der Minderheiten auf Augenhöhe mit dem deutschen Begehren agieren können. Desintegration bedeutet also (…), dass das Versprechen auf Gerechtigkeit im Sinne der materiellen und sozialen Teilhabe für alle Menschen in einer Gesellschaft umgesetzt wird.
Es gehört zu einer ausgereiften pluralen Demokratie dazu, die Ambivalenzen, die eine solche Verschiebung des Denkens über Zugehörigkeit und Gesellschaft eröffnen würde, auszuhalten. Das Versprechen der Desintegration ist nicht Harmonie, sondern Selbstbestimmung. Und eine Aktualisierung des Versprechens der Demokratie als Ort der Gerechtigkeit, an dem man ohne Angst verschieden sein kann.

Max Czollek in „Unsere Heimat ist euer Albtraum“, 2019, S. 181

Auf dem Markt

Die Töchter können nun gemeinsam das Haus verlassen und mit frischen Brötchen zurückkehren. Das ist sehr praktisch und noch dazu werden sie von der Marktverkäuferin mit kostenlosen Backwaren überhäuft. Eine hungrige kleine Tochter kann einen sehr verlotterten Eindruck machen. Die große Tochter hat einen interessanten Gütertransfer zwischen den Marktständen beobachtet, der nichts mit dem eigentlichen Geschehen zu tun hat und sich nur unter den Marktleuten abspielt: Es gibt ein informelles Netz aus wechselseitigen Versorgungsleistungen. Der Metzger reicht intern Wurstwaren herum, der Bäcker Brötchen, irgendjemand stellt Kakao zur Verfügung. Das hat mich irritiert, als sie davon erzählte. Gefreut natürlich auch. So sehr bin ich es gewohnt, dass alles in Wirtschaftlichkeit und Profitabilität gedacht wird. Wie wenig Wochenmärkte mit allen anderen Märkten zu tun haben.
Die kleine Tochter hat ein neues Level an blitzschnellen Antwortmöglichkeiten zur Abmoderation unangenehmer und uninteressanter Situationen freigespielt: „Du bist nicht mehr meine Tochter!“ oder „Du bist ein altes Ding“. Danach stürmt sie aus dem Zimmer.

Umgang

Ich wollte eine Veranstaltung besuchen. Zur Angst der Menschen vor dem Umgang mit Leichen. Ich finde Leichen äußerst interessant. Wenn ich nicht so große Angst vor dem Umgang mit ihnen hätte, könnte ich mir vorstellen, als Bestatterin zu arbeiten. Mir gefallen alle Aspekte an diesem Beruf, wenn nicht der Umgang mit Leichen wäre. Wenn die Leiche an sich nicht wäre. Naja. Also dachte ich, ich könnte mich mit dem Thema ja etwas näher beschäftigen und den Vortrag eines Kriminalkommissars dazu besuchen. Weil ich immer alles erstmal recherchiere und Informationen zu Zukünftigem sammele, habe ich natürlich den Dozierenden gegooglet und mich die folgenden zwei Stunden in einen größeren lokalen Polizeiskandal eingelesen, in den er verwickelt war. Ich weiß nicht mehr genau, worum es ging, aber ich dachte mehrmals, dass diese Person menschlich einen eher unseriösen Eindruck hinterlässt, der die vermutlich durchaus vorhandene Leichenumgangsangstbewältigungkompetenz dann doch ungünstig überschattet, und so strich ich die Veranstaltung aus meinen Plänen und habe nun weiterhin Angst vor dem Umgang mit Leichen und arbeite vorerst nicht als Bestatterin.

Weil ich dieses datenbasierte Vorgehen zur Entscheidungsfindung mitunter aber etwas anstrengend finde und es mich für gewöhnlich davon abhält, Dinge zu tun, die im engeren und weiteren Sinn in die Kategorie “Leben” fallen, habe ich nun ohne länger als zwei Tage darüber nachzudenken bei der Stadtverwaltung angerufen und mich erkundigt, ob das EU-Parlament noch top Leute gebrauchen könnte. Und wer hätte das gedacht, kann es und so werde ich mich für einen halben Tag als stellvertretende Schriftführerin in seine Dienste stellen und dafür sorgen, dass bei der Europawahl am 26. Mai alles total demokratisch astrein läuft. Und eine Schulung werde ich ebenfalls noch dazu besuchen und die Vortragenden habe ich auch nicht gegooglet.