Am Bahnsteig

Heute um 07.15 Uhr auf dem Bahnsteig die Durchsage empfangen, dass unser Zug um 07.27 Uhr ersatzlos ausfällt und Reisende die nächste Verbindung um 07.59 Uhr nehmen mögen. Und weil wir Reisende sind, saßen wir dann bei minus drei Grad auf der Bank und warteten.
Letzte Woche waren wir in derselben Situation bei minus sechs Grad und das Kind fand alles völlig inakzeptabel. Es brüllte und bäumte sich auf in der Karre und weil es eine tiefe Abneigung gegen Handschuhe hat, schrie es immerzu aua, aua und alle anzugtragenden Leute, die mit uns auf den gottverdammten Zug warteten, denn nur diese Art von Mensch fährt vor acht Uhr Regionalexpress, verliehen mir im Stillen die Ehrennadel sozialer Schande als schlechteste Mutter und überhaupt, was soll dieser Lärm. Und so dachte ich, wenn ich hier nun schon die Persona non grata bin, kann ich auch das einzig zuverlässige Mittel sämtlicher Eltern dieser Welt anwenden, nämlich Bild und Ton kombinieren und so holte ich das Handy raus und zeigte dem ausrastenden Kind Videos von sich selbst. Und wie zu erwarten besserte sich die Lage schlagartig und schon bei der vierten Wiederholung des Blockbusters, wie ich der Tochter mal die Mütze ins Gesicht zog, lachte das Kind begeistert über sein komisches Talent, war völlig fasziniert von der eigenen Leinwandpräsenz und wollte unbedingt ein Selfie machen und dann kam auch schon der Zug.
Irgendwo zwischen minus sechs und minus drei Grad liegt die Toleranzgrenze, was Kälteempfinden in den frühen Morgenstunden im öffentlichen Raum angeht. Denn heute war die Tochter völlig entspannt. Sie schob ihre Hände unter die Oberschenkel und schlug vor, ein Buch zu lesen. So lasen wir von Tomte und dem Fuchs und wie sie sich Grütze teilten und keine Hühner gefressen wurden. Und weil der Grützehaufen so illustriert war wie Milchreis, kam das Kind auf die Idee, dass jetzt doch eine gute Gelegenheit für ein Frühstück sei. Und da aß es ein halbes Käsebrot aus seiner Frühstücksdose und ein halbes aus meiner und trank mein Wasser und zwar so, dass ich die Reste im Büro wegkippte, weil dort überall kleine Brotklumpen umherpaddelten und ich zur Sicherheit noch ein paar Mal nachspülte. Und dann schauten wir uns noch ein wenig die Tauben an und alles war friedlich und schön. Und auch wenn ich mich immer über außerplanmäßige Qualitätszeit mit der einen oder der anderen Tochter freue, so dachte ich doch, dass ich die Dreiviertelstunde Warterei auch einfach schlafend hätte verbringen können, wenn es halt irgendeine Art von Technologie, was für ein unlösbares Hexenwerk könnte das wohl sein, gäbe, die einen frühzeitig informiert, wenn der Zug ausfällt. Und dieser sinnlos verschenkte Schlaf hat mich ein paar Minuten lang sehr traurig gemacht.

Dr. Schmotzen wurde heute auf dem Schulhof umfassend zu Harry Potter Band sechs und sieben gespoilert. Von einem Erstklässler, was die Sache noch schlimmer macht. Sie weiß jetzt alles und Monsieur LeGimpsi, der sie beim Lesen von Band sechs eigentlich psychologisch betreuen und auffangen wollte (davon sprach er seit wir damals erfahren haben, dass wir ein Kind bekommen werden, denn dass er live dabei sein werde, wenn dieses Kind dann irgendwann mal alphabetisiert wäre und mit beeindruckbaren, frischen Kinderaugen Harry Potter lesen würde, hat ihn mit am meisten gerührt), weil ja nunmal Dumbledore stirbt, und das ist der mächtigste Zauberer weltweit, ist entsetzt und sprachlos und sicherlich ebenfalls sehr traurig.

Und die Tatsache, dass uns die verpasste Aussicht auf eine zusätzliche knappe Stunde Schlaf und das durchgestochene Ende eines bedeutenden Kinderbuches der Gegenwart uns so anfassen, zeigt doch, dass es uns dann doch eigentlich ziemlich gut geht.

No more tickets. Yay.

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Ich habe vorgestern mein Auto verkauft. Eigentlich gehörte es Monsieur LeGimpsi und mir, aber seit er ein eigenes hat, nenne ich es nicht mehr das Auto, sondern mein Auto, damit jeder weiß, um welches von beiden es sich handelt. Außerdem saß er dort immer nur auf dem Beifahrersitz. Es war mein Auto.

Als wir es vor acht Jahren gekauft haben, weil wir aufs Land gezogen sind, kannten wir uns überhaupt nicht mit Autos aus. Wir kennen uns auch immer noch nicht mit Autos aus, aber damals eben fühlte sich das noch unwissender an und darum hatten wir Hilfe von erfahrenen Autobesitzern. Sein Vater und mein Vater haben nach passenden Gebrauchtwagen geschaut und nach einigen Wochen haben wir eine Testfahrt im Skoda gemacht und er fuhr, genauer konnten wir das nicht beurteilen, und da haben wir ihn gekauft. Eigentlich wollten wir nicht mehr als fünftausend Euro für einen Gegenstand ausgeben, der uns fortlaufend Geld kosten würde, aber der Händler bestand auf über sechstausend Euro und weil wir schon fünftausend nicht hatten, war uns dann auch egal, dass es noch teurer wird.

Auf dem Land brauchten wir das Auto. Zur Kita, zur Arbeit, zum Einkaufen, zu Verabredungen, für jede denkbare Strecke brauchten wir ein Auto. Nur den Altkleidercontainer haben wir zu Fuß erreicht. Aber der ist ja bloß äußerst selten mal interessant.
Jetzt in der Stadt stand es nur rum. Alle zwei Stunden musste ich runter zum Straßenrand und die Parkscheibe weiterdrehen. Trotzdem klemmten ständig Strafzettel hinter den Scheibenwischern.

Im April wäre der TÜV abgelaufen, der Motor machte komische Geräusche und die Bremsen schleiften. Wann der letzte Ölwechsel war, weiß ich nicht mehr. Die Scheiben waren von innen immer beschlagen, die Klimaanlage funktionierte schon lange nicht mehr, die Lautsprecher hatten einen Wackelkontakt. Eine Scheibe fiel während der Fahrt andauernd in ihre Fassung, dann musste man anhalten, aussteigen und sie mit beiden Händen wieder hochziehen. Der Halbjahresbeitrag für die Versicherung stand auch an. Es wären teure Wochen geworden, vielleicht hätten wir am Ende gemerkt, das lohnt ja alles nicht.

Ich habe jeden gefragt, muss ich das vorher putzen, wenn ich es zum Verkauf anbiete. Sieht der Experte wirklich nicht durch Schmutz? Sind Autohändler so oberflächliche Menschen? Und alle haben gesagt, ja, putz das Auto, gib dir Mühe, das macht einen guten Gesamteindruck und einen guten Gesamteindruck kannst du gebrauchen mit dem Produkt, das du loswerden willst. Bin ich also durch die Waschstraße gefahren, habe ich gesaugt, ausgeklopft, geputzt, geschrubbt, Moos entfernt, Aufkleber abgeknibbelt, Polster gereinigt. Am Ende sah es sensationell aus. Es sah aus wie ein Tesla. Gut, das wird jetzt vermutlich einen hohen vierstelligen Betrag geben, dachte ich. So wie das glänzt, fabrikneu. Da wird sich der Autohändler aber freuen, dass ich jemand bin, der sich extra viel Mühe gibt. Da wird er direkt Respekt vor mir haben und nicht versuchen, mich über den Tisch zu ziehen.
Das erste, was der Händler meinte: Haben Sie vorher geputzt, ne? Hätten Sie nicht machen müssen. Wir bereiten das Auto nachher noch professionell auf, da hätten Sie sich das echt sparen können. Komisch, dass alle immer putzen.

Er hat meinem Auto direkt in die Seele geschaut und mir 700 Euro geboten. Für ein abgerocktes, altes Auto mit kaum PS. Ist ok.

Ich war dann doch überraschend wehmütig, als ich vom Hof ging und es dort einfach stehen ließ. Ich hätte es gern beim Sterben begleitet, sagte ich abends zu Monsieur LeGimpsi. Vielleicht hätte es aber auch dich beim Sterben begleitet, meinte er und damit hat er natürlich Recht. Und am Ende ist es ja auch nur ein Hilfsmittel, das ich viele Jahre brauchte und jetzt eben nicht mehr.

Ich hoffe, das war das letzte Auto in meinem Leben. Das letzte Mal, dass ich eines geputzt habe.

It’s a trap.

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So, hab ich mir das jetzt also auch mal angeschaut. Hab ich jetzt also die wichtigste Schuld meiner mittelalten Ehe erfüllt und das Machtgleichgewicht zwischen uns hergestellt und überhaupt kann Monsieur LeGimpsi jetzt nicht länger behaupten, ich sei kein vollständiger Mensch. Hab ich jetzt endlich auch Zugriff auf sämtliche intertextuellen Referenzen, die dieses popkulturelle Riesenwerk in den letzten 40 Jahren so hervorgebracht hat. Versteh ich jetzt endlich auch die ganzen Witze und Memes und Zitate. Hab ich jetzt endlich auch die Mutter aller Blockbuster gesehen, schlafe jede Nacht in Chewbaccabettwäsche, hab ich mich jetzt endlich mal sechs Abende lang hingesetzt und Star Trek geguckt. Und mit Star Trek meine ich Star Wars.

Holy, hat Monsieur LeGimpsi mir eben einen 1a Mansplainingvortrag über das gesamte Star Wars-Universum gehalten, der Abspann war gerade mal zur Hälfte gelaufen. Ich glaube, da hat er die letzten zehn Jahre dran gearbeitet, das klang alles ziemlich blankpoliert. Richtig runtergerattert hat er seinen Text, am Ende noch ein Paper verteilt und da hab ich ihm dann eine Note druntergeschrieben.
Ich wollte eigentlich nur wissen, welche Relevanz jetzt noch ein siebter Teil hat, wenn die Geschichte doch sehr klar auserzählt ist. Also welche stoffliche Notwendigkeit halt. Wirtschaftlich ist das natürlich keine Frage. Eigentlich war der Plan, dass wir nach Weihnachten Teil acht im Kino schauen. Aber jetzt nach Nummer sechs steig ich vielleicht aus. Also ehrlich, was soll das denn?

Wir haben die Teile in einer mir zunächst nicht einleuchtenden, aber laut Monsieur LeGimpsi einzig richtigen Reihenfolge geguckt: vier, fünf, eins, zwei, drei, sechs. Nach sechs ist alles aus. Was in sieben kommt, wird eine völlig andere Erzählung sein. Nicht mit mir. Darth Vader ist für mich völlig überraschend gestorben, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte, die Skywalkers eiern jetzt noch bis Teil neun durch die Galaxis und beackern ihr innerfamiliäres Moralproblem. Und da wär auch noch narrativer Raum gewesen. Man hätte ja auch mal Leia noch sorgfältiger ausarbeiten können. Vielleicht einfach weniger Budget für diese ganzen ewig langen Formel 1-Rennen durch tausend hindernisreiche Landschaften verwenden und dafür mehr Dialogarbeit.
Aber dann war am Ende von Teil sechs schon alles geklärt. Luke ist true geblieben, Darth ist nicht mehr ganz der Arsch, der in seiner Jobbeschreibung steht, das Imperium kann in eine andere politische Ordnung überführt werden. Was das wieder für ein verwaltungstechnischer Aufwand sein wird allein die ganzen Formulare in den Bürgerämtern auszutauschen. Am besten hat mir gefallen, dass das ultimativ Böse nach all den Schlachten und Rebellionen zum Schluss vor allem auch mithilfe indigener Teddybären besiegt werden konnte. Was für eine schöne Vorstellung. Empfindsamer Flausch macht den Unterschied, empfindsamer Flausch setzt sich durch.

Vor zwanzig Uhr

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Die Kinder sind im Bett, das eine liest, das andere schläft, der Mann tagt im Osten, es ist vor zwanzig Uhr, ich habe etwas nur für mich gekocht. Das esse ich gleich ganz allein, alles ist still und dunkel.
Das kleine Kind reißt sich morgens die Mütze vom Kopf und hält sie der Erzieherin hin, dann winkt es mir zum Abschied und wenn ich nicht augenblicklich gehe, sagt es zur Sicherheit noch Tschüss, damit ich wirklich alle Signale verstanden habe und mich vom Acker mache.
Das große Kind geht allein zur Schule und von der Schule zurück und warum auch nicht, was ist schon dabei, wie konnte mir das jemals als Hürde vorkommen, wie konnte ich sie so unterschätzen.
Wie gern ich mit der Bahn fahre. Das hätte ich nicht gedacht. Ich schaue rum, schaue aus dem Fenster, schaue ins Bilderbuch, sitze, stehe, alles schaukelt etwas, ich werde durch die Gegend befördert. Zwei Stunden lang verbringe ich jeden Tag auf dem Weg, in diesem öffentlichen Raum und in allem, was mit ihm zusammenhängt. Ich bin mit Menschen zusammen, die gibts in meinen Filterblasen nicht, die kommen da nicht vor. Unsere Knie berühren sich beim Sitzen, wir fahren gemeinsam Fahrstuhl und warten an Bahnsteigen. Sie sind müde, sie sind genervt, sie sind hungrig, sie sind alles, was man sein kann. Neulich hatte eine eine Dogge dabei und aus der Tasche zog sie einen getrockneten Schweinekopf. In der ganzen Bahn hörte man das Knacken. Einer ist immer jeanslastig angezogen. Jeanshose und etwas dunklere Jeansjacke. Aber er kann das tragen. Wenn die Bahn einfährt, brüllt Spartacus Zug! Rein da! und ich weiß, jetzt versammeln wir uns alle wieder schweigend vor den Türen, bilden eine Gasse, lassen die Leute raus, jetzt steigen wir wieder ein und suchen uns einen Platz. Einmal bin ich mit dem Auto gefahren und habe alles vermisst.
Wieviel Spaß es macht, wieder zu arbeiten.

Erster Alltag

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Guter Tag, eigentlich hat alles geklappt. Zweimal hat sich die Bahn verspätet, aber das war ok. Der Stress von der Kita zum Bahnhof und dann beim Umsteigen ist schon beträchtlich, ich muss mit dem Buggy absurd oft in Fahrstühle steigen. Da wollen aber natürlich auch die ganzen anderen Leute mit ihren Fahrrädern, Rollatoren, Rollkoffern, Rollstühlen und Kinderwagen rein. Verrückt außerdem, wie viele Menschen um zehn vor sieben schon in der Bahn sitzen.
In der Kita ist es gut gelaufen. Spartacus ist erstmal im Buggy sitzengeblieben und wurde in den Spielraum gefahren. Das fand sie kurz extrem blöd, war dann nach wenigen Momenten schon wieder beruhigt. Sie hat insgesamt nicht viel gesprochen, dafür aber gespielt, im Buggy gefrühstückt, kam dann zum Mittag an den Tisch, ist zum Ende hin wieder in ihren Buggy verschwunden. Sie hat sich helfen und trösten lassen. Das liegt zwischen den Polen Totalverweigerung und Totalverschmelzung schon ziemlich mittig und ist mehr, als ich erwartet hätte.

Dr. Schmotzen ist in einem Stück, ohne Kratzer und ziemlich pünktlich nach Hause gekommen. Auf wundersame Weise ist an genau der richtigen Stelle im Laufe des Vormittags ein Zebrastreifen gewachsen. Als ich heute Morgen die Straße entlang ging, standen dort Baustellenschilder, als Monsieur LeGimpsi das Kind später zur Schule begleitete, wurde der erste Streifen gepinselt und mittags war er dann komplett fertig. Perfekter Zeitpunkt.

Büro: War ok. : )

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September

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Heute ist September. September ist der unvorstellbar abstrakte Monat der letzten zwei Jahre. Die letzten zwei Jahre war Elternzeit, jetzt ist September und würde ich an Freitagen arbeiten, wäre heute mein erster Tag im Büro. An Freitagen arbeite ich aber nicht und so ist er erst am Montag.
Am Montag passiert viel. Ich wohne jetzt woanders als damals, vor den zwei Jahren Elternzeit. Früher bin ich mit dem Auto zur Arbeit gefahren. Jetzt werde ich mit der Straßenbahn und der Regionalbahn fahren. Ich habe darauf überhaupt keine Lust, weil bestimmt ständig was schiefgeht und es regnet und ich den Schirm halte und gleichzeitig Spartacus’ Buggy schiebe und weil ich vor und zwischen und nach den Bahnfahrten zu diversen Bahnstationen hinlaufen muss. Und wenn ich aus dem Büro komme, gehe ich schnell zur Kita und hole das Kind und muss dann weiter zum Bahnhof und mit der Regionalbahn rüber in die andere Stadt und vom Bahnhof dort zur Haltestelle laufen und von dort in meinen Stadtteil fahren und dann nach Hause laufen und wenn alles klappt, wenn nichts schiefgeht, kommen Dr. Schmotzen und ich fast gleichzeitig an, und wenn doch, ist sie vor mir zu Hause und ich werde mich vermutlich ziemlich gestresst fühlen, weil das nicht dem Plan entspricht. Und ich werde mich grundsätzlich, unabhängig, ob bei mir was schiefgeht oder nicht, auch sorgen, ob dieses Kind den Schulweg gut allein schaffen wird, ob es an den drei Ampeln auch tatsächlich auf Abbieger achtet, auf dem Zebrastreifen in alle Richtungen schaut und auf der Verkehrsinsel stehenbleibt. Ob es die Einfahrten und Ausfahrten im Blick hat und die Fahrradspur. Und falls sie alles im Griff hat, ob nicht irgendein Irrer irgendeinen dummen Fehler macht, der in Dr. Schmotzens Rechnung nicht auftaucht und auf den sie nicht eingestellt ist. Ich weiß noch genau, wie unmöglich damals vor dem ersten Schultag die Vorstellung schien, dass Dr. Schmotzen allein in einen Schulbus steigt und davonfährt. Ich stand an der Haltestelle und konnte meinen Augen nicht trauen. Das Kind stieg ein und fuhr davon. Ich hatte es gesehen, es war geschehen und mittags stieg es am gleichen Punkt sogar wieder aus. Ab dann war es völlig normal. Vermutlich wird es diesmal wieder so sein, völlig normal.
Und Spartacus wird in die Kita gehen. Wir haben jetzt drei Wochen zusammen geübt und die Erfolge sind spärlich. Das wird nicht ohne Tränen laufen. Gestern am letzten Tag der Eingewöhnung haben wir es zum ersten Mal darauf ankommen lassen und die Tür geschlossen. Sie konnte dann nicht mehr zu mir. Ich saß im Vorraum und habe ihre Wut gehört. Sie war auch verzweifelt, aber vor allem wütend. So läuft das nicht, dachte ich, jetzt steigert sie sich voll rein und dann ist sie auf Monate blockiert, die wird ab jetzt immer direkt dicht machen, sobald wir uns der Kita nähern. Nach ein paar Minuten wurde sie still. Die Erzieherin kam zu mir und sagte, Spartacus habe die größeren Kinder einzeln zur Tür gezogen und ihnen befohlen, sie zu öffnen. Aber jetzt sei es wieder gut, jetzt würde sie spielen und sei zufrieden und wenn die emotionalen Ausbrüche, die in nächster Zeit ja nunmal einfach zu erwarten sind, ungefähr in dieser Art blieben, dann sei das nichts, womit sie nicht klarkäme. Für mich war es nicht leicht, Spartacus so toben zu hören. Ich hätte einfach nur die Tür öffnen müssen und der Zustand in ihr wäre vorbei gewesen. Am Montag sitze ich nicht nebenan. Da ist Spartacus tatsächlich allein, da kann ich ihr nicht raushelfen. Das muss die Erzieherin schaffen. Für sie war das bl0ß ein Ausraster eines Kindes, das sich auf die neue Situation einstellt. Einer von vielen hundert großen und kleinen, die sie bislang begleitet hat. Seitdem ich das gedacht habe, kann ich die nächsten Wochen leichter auf mich zukommen lassen. Ich mag die Erzieherin und vertraue ihr, dass sie und Spartacus das zusammen schaffen.
Montag. Mein Wecker wird um kurz vor sechs klingeln. Eigentlich ist das der schlimmste Gedanke von allen.

Ding Dong

Wir wohnen jetzt direkt neben einer optisch richtig schönen Kirche und ziemlich nah an einer optisch okayen Kirche. Im Grunde bimmelt es ohne Unterlass. Zu jeder Viertelstunde, zu jeder vollen Stunde, zu jedem Meeting im Terminkalender des Pfarrers oder zwischendurch auch einfach mal so, why not. Am liebsten mag ich die Bimmelei um neunzehn Uhr. Dann sind beide Kirchen zweistimmig und ich sitze auf dem Balkon und höre zu, wie die letzten Schläge immer leiser und mit größeren Pausen ausklingen.

So einen Familienumzug selbst zu organisieren, kann man machen. Kräfte- und nervenmäßig ist das möglich und nicht besonders schädlich, wenn drei Kriterien erfüllt sind:
Die Kinder müssen betreut werden, die kann man dabei absolut nicht gebrauchen. Dr. Schmotzen hat jeden Gegenstand minutenlang in seiner Existenz gewürdigt, bevor sie ihn in den Karton legte, und Spartacus ist hinter ihr hergegangen und hat alles wieder ausgepackt. Beides nicht besonders effizient und auf jeden Fall fürs echte Umzugsgame disqualifizierend. Wir haben sie in den Tagen vorher und nachher einbezogen, als der Stress nicht so groß war. Aber während des eigentlichen Umzugs befanden sie sich außerhalb des Geschehens und wäre das nicht der Fall gewesen, säßen wir vermutlich immer noch im Chaos.
Und dann sind Helfer wichtig. Einer muss das Sagen haben und die anderen schleppen einfach nur. Beim Umzug hat Demokratie nichts zu suchen. Da braucht man einen Autokraten, einen, der die Richtung kennt. Dann spart man sich die Zeit fürs Rumlamentieren, welche Tetrismethode die Umzugswagenladefläche am besten nutzt. Wir nehmen einfach die, die einer definiert und schon stellt sich ein Flow ein und man ist unglaublich produktiv und alle haben das erlösende Gefühl, dass es gut vorangeht und genau darauf kommt es beim Umzug an. Da helfen Leute dein Zeug rumzutragen und die sollen es so schmerzfrei wie möglich haben.
Darum braucht man viele, viele abertausende Kisten. Dann kann man sie schön leicht befüllen und niemand verletzt sich den Rücken oder erleidet körperliche Überanstrengung. Wenn du nicht viel Geld für professionelle Umzugsfachleute ausgeben willst, gib wenigstens ein bisschen Geld für genügend Kisten aus, damit deine Amateurhelfer es maximal angenehm haben. Und womöglich helfen sie dir dann irgendwann auch nochmal.
Bei uns waren alle drei Kriterien erfüllt und darum war das ein ziemlich machbarer Umzug. Wir danken der Kinderbetreuung, den Helfern und den Kisten.

Jetzt ist alles ein wenig anders, aber alles schön. Spartacus zum Beispiel hat nun ein eigenes Zimmer und da haben wir Dr. Schmotzens altes Bett aufgebaut und wer hätte das gedacht, aber Spartacus schläft tatsächlich in diesem Bett ein und wechselt erst irgendwann nachts zu uns. Wir hatten auch schon so einige Nächte, in denen sie einfach bis morgens gegen sechs, halb sieben durchschlief. Ich gehe nun also in ein leeres Bett und kann dort liegen, wie ich möchte, das Licht einschalten und in normaler Lautstärke vor mich hinleben. Ich kann mich beim Einschlafen einrollen wie ein Igel und habe deutlich seltener Kinderfüße im Gesicht. Es ist mir jeden Abend eine große Freude und bald schon wird sich dieser Zustand wieder ganz normal anfühlen.
Wir gewöhnen uns langsam an das Leben in der Stadt. Wir hängen viel auf Spielplätzen ab, fahren mit der Bahn, gehen bei schönem Wetter in den Park und haben ständig die Wahl zwischen vier Bäckereien, zwei Eisdielen und vielen anderen Einkaufsläden, Apotheken, Zahnärzten und einer guten Buchhandlung im Umkreis von dreihundert Metern. Wir wohnen in einem Gemeindehaus, die oberen Stockwerke sind vermietet. Jetzt gerade probt unter uns ein Chor, gestern war Englischkurs, samstags ist offenes Frühstück. Gerade scheint Konfirmationssaison zu sein, Horden Vierzehnjähriger spielen auf der Straße nicht kompetitiv Federball und machen gruppendynamische Übungen. Wenn wir aus dem Fenster schauen, sehen wir Häuser, Menschen und Gedöns. Manche Gesichter sind bereits mit festen Zeiten verbunden, da kreuzen sich regelmäßig Bahnen. Das geht jetzt alles seinen Weg.

Unsere Wohnung liegt im ersten Stock eines barrierefreien Hauses und bislang haben wir noch nicht ein Mal die Treppe genommen, die Kinder kämen gar nicht auf die Idee. Spartacus’ Leben mit Fahrstuhl ist um mehrere hundert Prozent besser als ohne. Sie weiß genau, was zu tun ist. Sie drückt den Knopf außen, der ihn holt, Dr. Schmotzen ist für innen zuständig, für das richtige Stockwerk und dass sich die Türen extra schnell schließen. Sobald der Fahrstuhl losruckelt, setzen sich beide hin und warten die Fahrt ins Erdgeschoss in angemessen gemütlicher Position ab.
Doch, ist ganz schön hier für uns alle.