Alle Artikel des Monats: August 2011

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Heiraten ist okay

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Heute vor zwei Jahren kaufte mein Bruder sich einen Laptop. Ich weiß noch, wie er mit der Saturnplastiktüte in der Hand ins Standesamt marschierte. Eine Baskenmütze trug er auch. Der darf das und hätten wir Trauzeugen gebraucht, er wäre meiner gewesen. Jedenfalls läuft heute die Garantie der Hardware ab.
Heute vor zwei Jahren haben Monsieur LeGimpsi und ich geheiratet. Ich kann das nur jedem empfehlen, es ist okay, es verändert nichts, es macht mich Fühlen wie eine Hofdame des achtzehnten Jahrhunderts, ständig laufe ich durch die Gegend und denke bei jedem Anflug von Augenkontakt mit Teilnehmern männlichen Geschlechts: »Wie können Sie es wagen, ich bin eine verheiratete Frau! Sie Strolch!« Ja, Heiraten hat meinem Leben Dramatik verliehen. Vorerst bleibe ich Gattin.
Passend zur Raumdekoration im standesamtlichen Büro bewies ich eine glückliche Hand und wählte brombeerfarbene Kleidung. Die Braut verschmolz mit ihrer Umgebung aus brombeerfarbenen Polyestertischläufern, brombeerfarbenen Kunstblumen und brombeerfarbenen Elektrokerzen. Die Vollstreckungsbeamtin verlas eine metaphorisch bodenlose Rede, währendder mir der Bedarf an guten Trauansprachen auffiel und ich gedanklich an einem Businessplan als Eheschließungstexterin arbeitete. Mittlerweile ist mir auch eine Lücke im Markt der Trauerkarten aufgefallen. Hier suche ich als Geschäftspartner noch einen Grafiker.
An der Stelle endlich, als mein »ja« die Eheabsichten wohltemperiert und hoffnungsvoll besiegeln sollte, knurrte entschlossen und melodisch meiner Mutters Magen.
Monsieur LeGimpsi indes ließ sich äußert viel Zeit mit der Formulierung seiner Zustimmung. Unter den Freundinnen der Braut war in diesen Schreckminuten nervöses Gezische bis zum Trauschreibtisch zu vernehmen: »So ein Arsch!«, »Das hat sie nicht verdient!«, »Mit dem Schlachter wäre das nicht passiert!« Retrospektivisch meint Monsieur LeGimpsi, der performative Charakter des Sprechakts habe ihn in diesem Moment beeindruckt, sein Leben sei in kurzer Sequenz an ihm vorbeigezogen und ihm sei erleichtert bewusst geworden, dass seine Zukunft nun an mich gekoppelt ist. Der Glückspilz. Mein Vater gratulierte mir anschließend zum Zustand als Gattin mit: »Heiraten ist ja schön und gut. Aber ich halte keine Rede!« Das aber von Herzen.
Dies ist unser offizielles Hochzeitsfoto. Ich hoffe, unsere Garantie hält noch ein schönes Weilchen.

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Eine Tasche für das KiTa-Kind

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Nächste Woche macht Dr. Schmotzen einen weiteren Schritt in Richtung Adoleszenz, nächste Woche beginnt die KiTa.

Was ich mir erhoffe, ist neben einem aufgeschlosseneren Verhalten gegenüber vitaminhaltigen Lebensmitteln, natürlich ein top Weihnachtsgeschenk. Wenns geht, nichts Gemaltes oder Getöpfertes. Das sieht bei Dr. Schmotzen immer schrecklich aus. Vielleicht etwas Genähtes oder Getischlertes, vielleicht etwas, bei dem die Kindergärtnerin einen großen Anteil hatte. Vielleicht etwas, das Dr. Schmotzen einzig beim Einpacken in der Hand hielt. Hach, Dr. Schmotzen, diesen Buffetschrank, den könntest Du mir schenken, bitte.

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Ab welcher

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Einkommensstufe ist es sozial eigentlich unverdächtig, einen Chauffeur zu haben?
Ich brauche einen Menschen im Auto, der sich bei Rotphasen mit Leib und Seele auf den Verkehr konzentriert. Der auf Ampelschaltungen achtet und erkennt, wenn rot zu gelb zu grün springt, egal bei welchem Lichteinfall. Der mich freundlich darauf hinweist, nicht im vierten Gang loszufahren und mir bei leichten Steigungen die Unterstützung der Handbremse ans Herz legt. Das Hupen der Hintermänner hilft aber auch ganz gut.

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Der illustrierte Tag X

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Der Tag beginnt mit Kunstturnen. Das stärkt die Beckenbodenmuskulatur und sorgt für kosmisches Gleichgewicht. Wird übers elektrische Antennenhaar direkt ins Hirn eingefüllt.


Wir bauen ein Fastfoodrestaurant für Schnecken. Dr. Schmotzen versteht den Witz nicht und lacht trotzdem am lautesten. Diese Zweijährigen geben Dir das Gefühl, Du seist die Schöpfung der Lustigkeit. Gefährliche Fehlwahrnehmung mitunter. Aufgrund eines ausgeprägten Gästemangels in der Gurkenbraterei resigniert die Köchin und nimmt ein Sabbatical.


Die Zwetschgenpartie ist eröffnet. Noch ein wenig sauer aber kuchenförmig dennoch meine Freunde. Zwischen ihnen und Dr. Schmotzen läufts allerdings nicht so gut. Als sie mir hilft, den Kuchen zu belegen, murmelt sie fortwährend: »ekkelhaft. einfach ekkelhaft.«


Oh boy. Ein Hauch erträglicher als Herr Bambaren macht die Sache immernoch unerträglich. Stets eindeutige, lösbare Bildsprache ist nicht meins.


Für mehr Verbundenheit über die Kantsteingrenzen hinweg! Eine Muscheltransplantation wird erfolgreich durchgeführt.
Ich danke der Spenderin.


Meine Schwester macht die schönsten Geschenke. Sie bastelt eine Miniaturwohnung mit allem Pipapo für jemandes ersten eigenen Wände und Fenster.


Wenn der Pizzamann klingelt, fühle ich mich wie meine Oma mit ihrer ersten Waschmaschine. Das ist eine interessant rückständige Aussage.

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C-C-Cola

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Ich kann keine Cola kaufen. Ich habe sie in meinem Leben noch nicht getrunken und allein diese vier Buchstaben aneinanderzureihen, ekelt mich an. Nun ist es so, dass Monsieur LeGimpsi zur Stunde über einer bedeutenden Arbeit für die Wissenschaft sitzt. In diesem verantwortungsvollen Zustand soll er sich ernähren, als regiere der Hedonismus mit strenger Hand.
Leider bin ich Verwaltungsrat des Logistikzentrums und zuständig für die Wareneinfuhr. Ich stehe also an der Kasse, lade mit spitzen Fingern Einliterflaschen C auf das Band (Einskommafünfliterflaschen und Du hättest mich einliefern können), drapiere sie zwischen Landliebemilch, Olivenöl und Pflaumenkorb, versuche, zu wirken, als kaufte ich für jemand Krankes, Bettlägriges, Hilfebedürftiges ein, als wäre ich Sozialdienstleisterin, von mir aus mit katholischem Träger, und fremdschäme mich für mich selbst. Gegenüber an der Feinkosttheke lehnt Bourdieu und malt lächelnd einen großen Haken in sein Notizbuch.

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Thinking like Oskar Schell

Wenn ich die Tasche nicht angenommen hätte, wenn ich sie verweigert hätte in meinem Leben, wenn ich ihr etwas entgegengesetzt hätte, ein »nein« etwa, vielleicht hätten sich die Dinge dann gefügt, vielleicht hätten sie ihren eigenen Unsinn und ihre Schlechtigkeit erkannt und wären zurückgetreten. Sie hätten desertiert vielleicht.
Vielleicht hätte die Tasche kehrt gemacht und wäre mit ihrem Überbringer zurück ins Auto gestiegen, wäre rückwärts zum Tennisplatz gefahren, hätte sich dort abstellen lassen. Der Notarzt hätte ihn von der Liege in die Tennisasche gehoben, hätte das Tuch abgedeckt, hätte die Pflaster abgerissen und die Infusion angeschlossen. Hätte den Beatmungsschlauch eingeführt, hätte Strom durch seinen Körper fließen lassen, hätte Adrenalin aus seinen Venen in eine Spritze gefüllt, wäre rückwärts in sein Auto gelaufen, weggefahren und nie zurückgekehrt. Aus seinen Lungen wäre Atem in ihre Lungen geströmt, sein Herz hätte ihre Hände massiert. Eine ausreichende Menge Kalkablagerung hätte die Blutbahn entblockiert und das Herz schlagen lassen. Er wäre aufgestanden, hätte seinen Tennisschläger genommen, ihn in die Tasche gesteckt, wäre mit dem Auto rückwärts zum Bauern gefahren und hätte dort Spargel und Erdbeeren verkauft. Er hätte sich für die Vergangenheit verabredet, hätte sich an den Tisch gesetzt und in seinem Mund wären Marmeladenbrötchen entstanden. Er hätte sich ins Bett gelegt und wäre eingeschlafen. Er wäre müde aufgestanden, hätte sich seine Zähne geputzt, hätte den Grill mit dem Tuch schmutzig gerieben, hätte die Stühle aufgestellt, die Hängematte an den Baum gehängt. Er hätte den Müll aus der Tonne geholt und auf unseren Tellern verteilt. Er hätte sich beiläufig von mir verabschiedet, wir hätten auf der Terrasse gesessen und nachdem wir lachten, wären Sätze aus unseren Mündern gekommen und dann wieder Lachen und dann wieder Sätze, so viele Male, dass es kein Anfang und kein Ende gäbe.
Wir hätten die Unsterblichkeit zurück in unsere Mitte genommen und hätten es nicht gemerkt.
We would have been safe.