Alle Artikel des Monats: September 2012

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Französischer Schokoladenkuchen aus Frankreich (Subhead: und alle so mhhh)

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Heute backen wir Schokoladenkuchen. Das Rezept hat Julia mir gegeben und der hat es ihre Tante gegeben und der Tante hat es Frankreich gegeben. Ich war noch nie in Frankreich, bin aber mit einem Franzosen verheiratet und daher ist mir dieses Land grundsympathisch.
Julia ist meine Kollegin. Sie arbeitet als Redakteurin und kennt sich top mit Fußball aus. Also so, dass die Leute ihr zuhören, wenn sie was sagt. In den nächsten Wochen läuft sie durch Peru. Dabei wünsche ich ihr viel Freude.


Feiner französischer Schokoladenkuchen, dafür brauchste:
__200 g Zartbitterschokolade (nimm ruhig eine teurere, spare dafür lieber am Weichspüler, den braucht wirklich niemand)
__100 g Butter
Die beiden festen Zutaten werden durch leichte Wärmezufuhr gemeinsam verflüssigt und gehen eine tiefe Bindung ein. Das dauert, wie bei den Menschenkindern. Immer mit der Ruhe.

Für den Teig
__5 Eigelb
__150 g Zucker
__ 3,5 EL Mehl
miteinander verrühren.

__5 Eiweiß zu Schnee schlagen und alle Komponenten zusammenführen. Das wird ein ganz harmonisches, heilendes Gelage.

Ab in die Backform und dann in den Ofen, der wartet mit hundertsechzig Grad Umlufthitze auf und lässt den werdenden Kuchen für fünfundzwanzig bis fünfunddreißig Minuten in seinen Bauch.
Raus damit, abkühlen lassen, Puderzucker druff, jeder isst soviel er kann.

Gute Reise, Julia!

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Julia Franck: Rücken an Rücken

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Der unfreie Teil Deutschlands, 1961: Eine Familie, Mutter, Tochter, Sohn. Das sind drei, die zusammenleben und nicht zusammen gehören. Das sind Einsame in einem Land der Gemeinschaft.
Die Mutter: Käthe ist Bildhauerin aus jüdischem Bildungsbürgertum, stolz, nicht glücklich, mit ideologischer Rhetorik. Sie sagt: »Bin ich denn Mutter von Beruf?« und lässt ihre Tochter am Geburtstag einen Berg Zucker essen. Einmal verschwinden die Kinder und testen, wann Käthe zu suchen beginnt. SIe beginnt nicht.
Ella und ihr Bruder, die ziehen sich und tragen, was die Mutter nicht schafft.  Was Ella auf Erden nicht bekommt, sucht sie eben woanders. Sie verschiebt und spaltet und dann lebt sie plötzlich unter ihrem Bett.
Thomas ist intelligent und wird nicht gebraucht und dann trifft er eine, die das Leben auch liebverloren hat und sie entscheiden sich.
Ich mag Francks dichte, atmosphärische Sprache und ihre schlichte Narration. Wie in »Die Mittagsfrau« verwendet sie biographisches Material ihrer eigenen Familie. Vom Onkel Gottlieb Friedrich Franck stammen die zahlreichen lyrischen Textstellen, die sich zum Ende hin verdichten. Immer wieder stellt sie Thomas Textfragmente der historischen Person zur Verfügung und verwebt eigene mit fremder Literatur. Ein fiktives stößt auf literarisiertes Leben.

Schon beim ersten Schuss barst der gläserne Panzer, zersprang er in zigtausend Stücke, die Splitter lagen auf dem Schreibtisch, auf dem Boden und einige wenige steckten noch im Rahmen fest. Das Messing funkelte golden, in Ulbrichts Wange prankte ein Loch. Lass mich mal, Michael lachte und nahm Thomas das Gewehr ab. Der braucht kein Auge mehr. Michael traf die linke Braue. Sie zielten abwechselnd. (Seite einhundertvierundneunzig)

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befinde ich mich in einem kostbaren Zustand. Ich komme vom Training und mein Körper fühlt sich ganz wohlig ledrig. Der Metabolismus ist noch völlig high und feuert, er schenkt mir mindestens drei unmüde Stunden. Genug Zeit, mit Monsieur LeGimpsi abzuhängen und Zylonen beim Zerfall zuzuschauen.
Morgen früh werde ich aufwachen und ganz allein sein. Ich werde nicht zum fremden Schreibtisch müssen, denn es ist Freitag. Ich werde kein Kind wecken, anziehen, putzen und in den Kindergarten bringen müssen, denn es schläft in diesem Moment bei seiner Oma und die wird das morgen für mich übernehmen. Ich werde aufwachen und Monsieur LeGimpsi wird aushäusig sein. Ich werde aufwachen, mir eine Stulle schmieren und mich ins Bett legen und lesen, werde ein wenig schlafen, wenn ich mag, am Schal rumstricken, in der Diesigkeit spazieren gehen und dann werde ich Suppe essen. Dann fahre ich ganz langsam los, am Markt vorbei, das Kind zu holen. Das sind ungefähr fünf Stunden, von denen ich ein paar verdösen werde und es gibt nichts, auf das ich mich mehr freue.

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Das Kind nervt

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Das Kind hat nen Knall. Seit ungefähr ein paar Wochen teilt es sich einen Körper mit einem zwei Meter großen Krawallo-Affen.
Die töchterliche Kommunikationsleistung besteht seither aus Forderungen mit Objekt-Prädikat-Struktur, Verweigerung (»neiheiiin«) und wehleidigem Walgesang. Bislang hatte ich das Gefühl, Dr. Schmotzen verfüge über ein überdurchschnittlich hohes Maß an rationaler Einsicht und Kooperationswillen. Ich weiß es jetzt besser, irgendeine Verknüpfung ist verrutscht. Ich hatte ja damit gerechnet, dass ihr Wortschatz nach der ersten Zeit im Kindergarten dunkle Gefilde erreicht, aber es ist eher eine Wildheit, eine Verrohung, die sie nachmittags mit nach Hause bringt. Manchmal möchte ich sie exzorzieren, manchmal möchte ich die erste ayurvedische Tiefenhautreinigung mit Kräuterdampf meines Lebens, irgendetwas jedenfalls, das den Zustand beendet, dass sie aufhören lässt oder mich tiefenentspannt. Ich bin kurz davor, ihr den Doktortitel abzuerkennen. Sie macht überhaupt nicht mehr, was ich will und nur noch, was sie will. Und dann regt sie sich auf, wenn ich will, dass sie macht, was ich will und das durch deutliche aversive Reiz-Reaktions-Konsequenzmodelle veranschauliche. Meistens enden die Tage damit, dass sie um sieben fluchend im Bett liegt, ich keine Geschichte vorlese und sie direkt morgen früh einen Brief an ihre Oma schreiben will, bei der sie Umsiedelung zu beantragen beabsichtigt. Passend zum Hirn ist auch der Körper ein wenig aus der Bahn geraten. Zwei schlimme Stürze mit Kühlpackeinsatz in den letzten drei Wochen und viele kleine Stolperer, Abrutscher und Verfehler deuten auf koordinativ beeinträchtigendes Wachstum hin.

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Meyer mit dt

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In den letzten zwanzig Minuten füllte ich den Fragebogen der Steuererklärung für zweitausendelf aus und den größten Teil der Zeit habe ich damit verbracht, meinen Nachnamen aufs Papier zu bringen.
Seit ich Monsieur LeGimpsis rechtmäßig angetraute Gattin bin, bestehe ich plötzlich aus drei Wörtern. Früher als Fräulein hatte ich sechs Buchstaben für meinen Vornamen und überschaubare vier für den danach. Dann kam Monsieur LeGimpsi mit napoleonischem Schreiten an mich heran und ersetzte meine vier Alphazeichen durch einmal sieben und einmal neun Buchstaben und fügte zwischen sie noch einen prätentiösen Bindestrich. Ich heiße nun wie das feminine Äquivalent zu Hubertus Meyer-Burckhardt, bloß, dass mein dt vorm Minus steht und ich andauernd vergesse, ob nun tatsächlich dt oder td.
Die Leute fragen, wie ich denn vor meiner Hochzeit geheißen habe, sieben oder neun Buchstaben lang und dann sage ich, vier und dann sagen sie hä? und dann sage ich, dass ich den komponierten Doppelnamen meines Mannes angenommen habe, den es nur bei diesem einen Clan im Lande gibt und der auf schottischen Hochadel zurückführt. Das mit dem schottischen Hochadel stimmt so vielleicht nicht ganz, die genealogische Exklusivität aber schon.
Fülle ich Formulare aus, weiß ich nicht, warum ich meine vier Buchstaben abgegeben habe. Auch wenn sie in semantischer Hinsicht ein blähendes Gemüse waren, sie haben mein Leben mit Ämtern effizienter gemacht.