Alle Artikel des Monats: Juli 2012

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Urlaub

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Heute Morgen zum dritten Mal. Der erste Gedanke im schmerzvollen Zustand zwischen raus aus dem Schlaf und rein in den Tag: Urlaub. Und das dann unmittelbar einsetzende Gefühl würde ich gern konservieren.
In den nächsten siebzehn Tagen wird es das gleiche köstliche Wort sein, mit dem mein Morgen beginnt.
In Kürze statten der Monsieur und ich der Hauptstadt einen Besuch ab und zwar ohne Dr. Schmotzen. Das ist neu und macht vorfreudig. Das Kind begrüßt den elternlosen Zustand natürlich und fragt täglich, wann die Berlinreise nun endlich anstehe.
Sobald wir wieder zurückkehren, fängt Dr. Schmotzens erstes richtiges Kindergartenjahr an. Das verschafft mir nach einer unberechenbaren Eingewöhnungszeit kinderfreie Vormittage, an denen ich rumbröseln kann, wie ich möchte. Da gibt es ja noch die ein oder andere Ecke in meinem Zuhause, die kein gelbes Antlitz hat. Außerdem steht in der Küche ein gebrauchtneues Highendgerät, bei dem alle Herdplatten funktionieren und die Knöpfe auch und die Hitze stimmt und regulierbar ist.
Urlaub! Fast drei Wochen!

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Mit Deo

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Dr. Schmotzen hält sich eine Dose Seifenblasenseifenlauge abwechselnd unter den einen und den anderen Arm und imitiert Sprühgeräusche.
»Was machst Du da?«
»das ist theo«
»Deo?«
»ja deo«
»Wozu brauchste das denn?«
»das brauch ich, sonst werden meine arme delb-drün-helldrün-weiß-destreift. das ist wichtich.«

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so rotbrauner Marmor

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Brauchst Du einen Grabstein zweiter Hand?
Weil, ich hätte da einen.
Stell Dir vor, jemandes Grab wird eingedampft. Nach einer langen Zeit von zwanzig Jahren läuft der Durchschnittsmietvertrag für letzte Ruhestätten ab. Wenn Du dann ausgetrauert hast, ist es möglich, dass dieser Ort keine Relevanz in Deinem Leben hat, außer Unkrautjäten. Dann kündigst Du fristgerecht, lädst Deine Einrichtungsgegenstände in den Kofferraum und machst Platz für die nächste Mietergemeinschaft. So haben wirs bei meinem Großvater gehalten, der vor unzählbar vielen Monden in Tradition seiner Familie plötzlich und leidlos das Zeitliche segnete und dessen jüngster Sohn es ihm vor kurzem gleichtat.
Nun hatten wir bei der Auflösung seiner Grabstätte noch keine wirkliche Erfahrung mit dem Tod und wussten nicht, dass die Gestaltung des letzten Ortes für uns eine Aufgabe der Sorgfalt und Muße sein würde. Wir dachten eher pragmatisch-betriebswirtschaftlich und entschieden uns dafür, das massive Denkmal zu behalten und zu lagern, bis wir einmal praktischen Einsatz für es fänden. Und so liegt es seither in der elterlichen Garage und würde dort noch viele Jahre warten, wäre nicht meine Mutter vor wenigen Wochen umgezogen und befände sich der Schlüssel zu diesem alten Wohnort nur noch wenige Tage in unserem Besitz. Der Grabstein stört die neuen Mieter, er muss weg. Über eine Tonne wiegt er und kann nur von sechzehn ausgebildeten Hantelmännern getragen werden. Wir überlegten, ihn in den Wald zu bringen. Ihn einzugraben, den Stein, das Naturmaterial, zu seiner Umgebung zurückzuführen. Eingemeißelt: Eheleute und dann der Nachname meines Vaters. Dabei war meine Großmutter an ganz anderer Stelle begraben, fehlerhaft ist er also auch, einer sollte das mal korrigieren, posthum. Ein relativ unanonymer Stein läge dann unter einer verwehbaren Schicht Erde. Wir versuchten, den Namenszug mit einer Axt zu zerkratzen. Es klappte nicht, der Lärm zog Menschen in die Garage, ich kann das öffentlich schreiben, denn das eine ist der Wille, das andere ist das Strafrecht. Aktuell planen wir, ihn in einen benachbarten Teich zu schmeißen, auch wegen des mystischen Bildes der algenbewachsenen ewigen Ruhe. Er liegt jetzt immer noch rum mit wenigen oberflächlichen Zersplitterungen und wir wissen nicht genau, was aus ihm wird. Darum frag ich, brauchst Du einen Grabstein zweiter Hand, Selbstabholung?

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blonde Pferde

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Das Kind ist so groß geworden. Verliert langsam die Blondheit seines Vaters. Sagt immer seltener bei zwei Pferden auf der Weide, eins hell und eins dunkel »tut mal mama das sieht aus wie ich und das sieht aus wie du. meins ist schöner.«
Befinde mich heute erstmalig in rentnermäßiger Nostalgie und habe mich in der Vergangenheit verkantet. Entweder ich bleibe dort oder ich muss für Nachschub sorgen. Ach, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Da liegen noch einige Steine rum.

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Zurück auf null vier

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Meine Schule hat Geburtstag.
Sie wird fünfzig Jahr alt. Alle Schüler sind eingeladen. Da laufen viele alte Menschen rum und verteilen sich um Tische, auf denen Pappkarten mit Jahrgangszahlen aus der zweiten Hälfte der letzten Jahrhunderts stehen. Auf einem Tisch auch null vier, ich stelle mich kurz davor und keiner ist da, dann gehe ich weiter.
Eine Tafel in der Eingangshalle zeigt Absolventen, die es ins gesellschaftliche Bewusstsein geschafft haben. Von fünfzig Jahrgängen sind das sieben Stück, zwei davon aus meiner Stufe: drei Fußballer, ein Politiker, ein Professor, eine Frauenromanautorin, eine Tatortkommissarin.
Ich treffe meine Deutschlehrerin, wegen der ich das studiert habe, was ich studiert habe. Und als wir uns begrüßen, stellt sie mir gleich die Frage, deren Antwort sie mir am letzten Schultag gab und ich denke, wird es solche Lehrer geben, wenn Dr. Schmotzen sie braucht?
Ich habe mich auf meinen Platz in der fünf c gesetzt, auf dem ich Bauschmerzen hatte und Angst und zurück zu meinem Grundschulrolf wollte, bei dem wir immer malen durften, auch in Mathe, egal wann. Und dann bin ich weitergegangen und habe Jan gesehen aus zwei Klassen über mir, den ich von der Siebten bis zu Elften gut fand, der hatte immer Weltschmerz. Dicker ist er geworden und die Locken haben sich verdünnt. Er sieht aus, als hätte er mehrere Versicherungen und eine private Altersvorsorge. Ich saß auf der Bank vorm Oberstufenbrett und das hing da nicht mehr, dafür war das Gefühl wieder da, bald fertig zu sein und irgendwie keinen großen Knall zu erwarten bloß etwas Neues.
Mit manchen habe ich meinHausundmeinAutoundmeinJahresbruttoeinkommen-gespielt und mit der letzten Karte, mit Dr. Schmotzen und Monsieur LeGimpsi, gewonnen, mit manchen habe ich nicht geredet, manche haben nicht mit mir geredet, mit manchen habe ich ganz normal geredet.