Deine blauen Hände

Ich hab von Dir geträumt. Es war so ein Traum, bei dem man vom Weckerklingeln aufwacht, wieder einschläft und die Bilder nahtlos weiterlaufen. Immer wieder, bis man es nicht mehr aushält oder bis es Zeit ist, aufzustehen.
Wir hatten Dich in einen Raum gelegt, auf ein Bett. Weil wir Dich nicht begraben wollten. Wir wussten, wir sollten Dich besser begraben, aber dann hätten wir Dich nicht mehr sehen können. Wir sind jeden Tag zu Dir gekommen und haben Dich angeschaut. Und jeden Tag sahst Du weniger aus wie Du und mehr wie tot. Trotzdem wollten wir Dich paretooptimal lange nicht beerdigen. Auch wenn wir ahnten, das ist gegen Deine Würde. Und dann, da warst Du schon bestimmt fast zwei Wochen gestorben, sahst Du wirklich schlecht aus. Deine Hände waren dunkelblau und das war der letzte Beweis, dass Du mausetot warst und in die Erde gehörst. Wir konnten Deinen Anblick auch der Raumpflegerin nicht länger zumuten, so fürchterlich. Wir haben Dich begraben und es war sehr traurig und fühlte sich richtig an. Und als wir das verstanden hatten, saßest Du neben uns und warst nicht mehr tot und Deine Hände waren hautfarben* und da wussten wir, dass wir etwas schlimmes getan hatten, Dich zu beerdigen. Wegen des unterirdischen Sauerstoffmangels.
Du lagst schon drei Tage metertief und wir hatten nur einen Teelöffel, die ganze Erde wegzugraben. Du standest neben uns und wurdest immer weniger und einer von uns grub immer schneller und da stieß er auf Deinen Zigarrenkistensarg und Du lagst drin und hast es nicht geschafft, weil wir Dich begraben hatten und es dort unten keine Luft zum Atmen gab. Und da kam dann der Zeitpunkt, an dem ich es nicht mehr aushielt und Aufstehen die bessere Alternative war.

*Wir hatten Dich alle im Arm.

One Reply to “Deine blauen Hände”

  1. > Aufstehen die bessere Alternative war.
    Ja. Ein heftiger Traum. Ich fühle mit dir.

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