Doppler und die Tüchtigkeit

Auf ben_s Empfehlung hin habe ich »Doppler« von Erlend Loe gelesen. Es geht um einen Norweger, der in Norwegen seine norwegische Familie verlässt, um fortan allein im norwegischen Wald zu wohnen. Norwegen an sich ist aber total egal, es könnte auch in Deutschland spielen oder in der Schweiz. An einer Stelle nennt er die Norweger »zugleich das netteste und das egoistischste Volk auf Erden«, das lässt sich prima auf viele Orte unter der Sonne übertragen.
Doppler steht also im Wald und bekommt Hunger. Er überfällt einen Elch und rammt ihm ein Messer in den Schädel. Das passiert gleich auf den ersten Seiten und ist so komisch, dass ich beim Lesen sehr lachen musste und das, obwohl neben dem Elch ein Elchkalb steht und auf der Stelle verwaist. Doppler nimmt das Elchfleisch und tauscht damit Lebensmittel und Gegenstände im Dorf. Und er nimmt das Elchkind, tauft es und macht es sich zum Zeltmitbewohner.

Wer ist Doppler und warum zieht er in den Wald?
»Ich bin Radfahrer. Und ich bin Ehemann und Vater und Sohn und Arbeitnehmer. Und Hausbesitzer. Und jede Menge sonst. Man ist so vieles.« Und neuerdings hat er eine Baustelle im Badezimmer, einen Ohrwurm, eine elbisch sprechende Tochter und einen toten Vater. Man hat so vieles.
Dann fährt er mit dem Fahrrad in den Wald, bleibt mit dem Vorderrad stecken und fällt ins Heidekraut. Dort liegt er dann einen Nachmittag lang und denkt nach und kommt zu der Erkenntnis, dass er die Menschen im Ganzen nicht mag. Er geht nicht mehr zur Arbeit und zieht auf unbestimmte Zeit in den Wald, wo er an seinem persönlichen Totempfahl arbeitet. Doppler ist also ein ganz normaler, tüchtiger Mensch, der plötzliche aufhört, zu funktionieren und sich einen Lebensgegenentwurf sucht. Das finde ich interessant. Zufällig behandelte mein zuletzt gelesenes Buch »Pferde stehlen« von Per Petterson ein ganz ähnliches Thema, ein Mann zieht in den norwegischen Wald, denkt über seinen Vater nach und arbeitet mit Holz.
Monsieur LeGimpsi und ich machen uns im Moment Gedanken darüber, wie wir leben wollen. Wie die Verteilung von Tüchtigkeit und Muße gleichmäßig möglich ist und wie man sich so ein Leben mit zwei schmalen Gehältern leisten kann. Gern, ohne, dass man aussteigen muss und im Wald wohnt. Wir sind noch zu keinem Schluss gekommen, es ist ja auch eine ziemlich schwierige Frage.
Ich habe das schmale Buch sehr gern gelesen. Erlend Loe mag ich für seine originelle, hagere Komik, in »Jens. Ein Mann will nach unten« hat sie mich bestens unterhalten, hier ein zweites Mal.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.