Ein letztes Leben

Meine Omi sitzt am Fenster. Nie geht sie nach draußen. Meistens schaut sie auf den Garten. Dort hätte ihr Fahrrad gestanden. Die Ohren sind schwach, manchmal schenken sie ihr Musik. 100 Jahre alte Ohren spielen eine gemäßigte Melodie. Diminuendo.
I wish the Lord would take me, sagt sie. Meine Omi spricht kein Englisch. Müde sei sie, das Leben zu lang. Wohin soll das alles führen.
Sieben Kinder hat sie und viel Besuch. Jeder bringt ihr etwas mit, nichts möchte sie behalten. Nur ihre Geschichten. Sie erzählt nicht mehr viel. Fragt nur noch. Wie geht es den Enkeln? Trinken sie genug? Brauchen sie neue Schuhe? Wann kommt der Regen? Der Blick aus dem Fenster sobald das Interesse verschwindet. Charmant ist sie. Schon immer. Es ist leicht zu lachen bei ihr.
Das Essen schmeckt nicht mehr, sie winkt ab. Verschwindet.
Wie viele Leben stecken in einem Jahrhundert?
Bis bald, Omi. Doch da schaut sie schon wieder auf den Garten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.