Tiefe Bauchatmung

Neulich sind Monsieur LeGimpsi und ich durch den Wald gegangen und haben über Generation Z gesprochen und wie sie auf Tiktok niemand mehr versteht. Wobei es eigentlich Quatsch ist, weil Tiktok vor allem ihre eigene Plattform ist. Bleibt also, dass niemand sie versteht. Was auch Quatsch ist, weil ihre Freund*innen und Familien und Lehrer*innen und Soziolog*innen und später dann Historiker*innen sie bestimmt wohl verstehen. Bleibt also eigentlich nur, dass ich sie nicht so richtig verstehe, weil ich eigentlich auch niemanden der Gen Z kenne. Dafür die Alphas dann wieder, denn zu denen gehören meine Kinder. Was nicht ganz korrekt ist, wie ich gerade feststelle, denn nur meine kleine Tochter ist eine Alpha, die große eine Z Und die verstehe ich schon noch und auf Tiktok ist sie aber bislang nicht, da wäre es jetzt schon interessant, zu überprüfen, ob ich sie und ihr Zeichensystem dort verstehen könnte. Aha. Gut, dass das nun geklärt ist. Wo doch so vieles weiterhin im Vagen bleibt. Wo sich die Dinge neu ordnen. Wo ich nur denken kann: Akzeptieren, akzeptieren, akzeptieren. Wo ich doch mit Unsicherheit und dem Wegfallen von Kontrolle einfach überhaupt nicht klarkomme offensichtlich. Nicht mal die Illusion von Kontrolle, hab ich noch. Die ist mir zuletzt weggebröckelt, so wie Personen, von denen ich dachte, sie seien gesund, umkippen und dann sind sie entweder gar nichts mehr oder erstmal sehr deutlich nicht gesund. Und dann das Pandemielife und seither identifiziere ich mich einfach nur als Ball in einer Lotteriescheißetrommel und machmal werden Bälle neben mir rausgenommen und ich merke sofort, wie stochastisch bedrohlich es wird und manchmal werden Bälle hinzugegeben und das Aushalten wird leichter. Das waren zwei disruptive Jahre, die haben was mit mir gemacht. Mich das Fürchten gelehrt. Sie haben mich weicher und härter werden lassen. Weicher mit mir selbst und härter gegen andere. Was nicht schlecht ist. Die meiste Zeit meines Lebens war es genau anders rum. Aktuell bin ich innerlich ein Smoothie, in den von außen aber niemand seinen Strohhalm reinhalten kann. Grundsätzlich erstmal nicht verkehrt. Ich hab viel über mich gelernt in den letzten Monaten. Was hilft, wenn ich mal nicht klarkomme (und boy, ich komm oft nicht klar): Spazieren gehen, etwas mit den Händen machen, puzzlen, putzen, kochen, baden, aufräumen, etwas planen, etwas anders als sonst machen, mit jemandem sprechen, feel all the feels, Musik hören, arbeiten, alte Serien schauen, den Parasympathikus seine magic machen lassen, tiefe Bauchatmung, weitermachen. Weitermachen eigentlich unterm Strich. Immer weitermachen. Das Machen ist nicht mein Problem, das kann ich gut. Gestalten, was gestaltet werden kann. Keine Leichtigkeit erwarten, keine Fröhlichkeit. Eine schwere Zeit erkennen, wenn sie mir über den Weg läuft, mich unterhaken und Erwartungsmanagement betreiben.
Auf jeden Fall bin ich aktuell schon wieder viel älter als biologisch vorgesehen. So wie mit Mitte zwanzig, als ich Mutter wurde und über Nacht für sehr lange Zeit Anfang dreißig war. Jetzt bin ich Mitte dreißig, fühle mich aber wie Ende vierzig. Damn it.

2 Replies to “Tiefe Bauchatmung”

  1. Aus der zweiten Hälfte der Vierziger kann ich berichten: Fühlt sich wie Ende 50 an. Ich erinnere mich noch an eine Zeit im Leben meiner Eltern, als wir Kindern schon so gross waren, dass man uns Freitagsabends allein Zuhause lassen konnte. Da haben die ein paar Jahre lange nochmal richtig einen drauf gemacht. Sind halt auch einfach 68er-Hedonisten. Ich bin sehr gespannt ob die Zeit auch noch kommt, oder ob mich das Generation-X-Dasein auch dann wieder einholt …

    Memo an mich: Wieder die alten Sachen Coupland lesen.

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    1. Ja, also ich hoffe ja darauf, dass meine Kinder mir das Hedonistentum am Freitagabend abnehmen. Dann kann ich ungestört 1.000er Puzzle machen und sie kümmern sich um altersgemäße Rauschzustände und wir haben beide unseren Spaß.

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