Alle Artikel des Monats: August 2016

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spielen

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Spartacus hat vor kurzem ein Spiel erfunden und macht seither nichts anderes. Ich glaub, die hat zu viel Tagesfreizeit. Das geht so (jede Bewegung ist in größtmöglicher Geste und Dramatik auszuführen): Sie rennt zum Sofa, reißt das Leinenkissen herunter, presst es vor die Brust, läuft zwei Schritte in den Raum, schmeißt das Kissen vor sich auf den Boden, wirft die Arme in die Luft und fliegt auf das Kissen, vergräbt das Gesicht darin, bewegt sich keinen Millimeter und spielt für drei Sekunden Tiefschlaf. Dann schlägt sie die Augen auf, springt hoch, schnappt sich das Kissen, rennt zwei Schritte in eine sich bietende Richtung und wiederholt die Episode. Das geht minutenlang. Wir haben dann ein sich abwechselnd schmeißendes und ruhendes Kind im Raum. Ziemlich oft steigt Dr. Schmotzen mit ein und alles endet in einer Schlacht, bei der Spartacus irgendwann auf Dr. Schmotzen sitzt und ihr ein Kissen aufs Gesicht drückt. Und dann folgen Fangen spielen und Raubtier spielen und dabei reißt Spartacus Dr. Schmotzen Haare aus oder stößt ihren Zeigefinger in Dr. Schmotzens Nasenloch und dann ist es erstmal vorbei mit der hedonistischen Zusammenkunft.
Die beiden spielen so rau und wild miteinander, das können nur Kinder. Diesen Schritt, den die fast achtjährige Dr. Schmotzen auf die so viel jüngere Spartacus zu macht, und diese Begegnung, die dann entsteht, das hab ich bei meinem kleinen Bruder damals nie geschafft. Wie viel fun, fun, fun ihm, mir und meinen Eltern dadurch entgangen ist.

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28.08.

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Schon seit sieben Jahren trag ich jetzt den komischen Doppelnamen mit den immer zu buchstabierenden Endungen. Ich habe mich von vier Buchstaben auf sieben plus neun Buchstaben verschlechtert. Wobei sich in meiner Unterschrift im Laufe der Zeit sämtliche Vokale rausgekürzt haben. Die besteht eigentlich auch nur noch aus Schlenkern.

Heute zum ersten Mal seit Spartacus bei uns ist drei Stunden ohne Kinder verbracht. Nur Monsieur LeGimpsi und ich. Das war schön.

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Zweites Schuljahr, erster Tag

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Dr. Schmotzen fand ihre ersten Sommerferien nur so mittelgut. Sie waren ihr zu lang und zu weilig. Wir waren nicht im Urlaub, haben ein paar Ausflüge gemacht, es hat viel geregnet, manchmal gabs Pizza, ich kann sie verstehen. Heute Morgen war sie sehr früh wach, verkündete, sie sei jetzt Zweitklässlerin, das würde sich auch aufs Taschengeld auswirken, zog sich an und wartete auf den Bus.
In Dr. Schmotzens Schule bilden Erst- und Zweitklässler zusammen eine Lerngruppe. Sie arbeiten in Patenschaften, immer ein großes Kind mit einem kleinen. Von Zeit zu Zeit wechseln die Partner, das hängt von der Dynamik in der Gruppe ab und wie viele Kinder das Bedürfnis haben, ihren Partner zu tauschen. Jede Lerngruppe hat eine Partnerlerngruppe. Mehrmals die Woche werden die großen Schüler beider Lerngruppen zusammen unterrichtet und die kleinen ebenfalls. Am Ende des Schuljahrs werden die großen Schüler der zwei Lerngruppen gemeinsam eine Klasse der dritten Jahrgangsstufe bilden und einen neuen Lehrer bekommen. Manche Schüler bleiben aber auch ein weiteres Jahr in der Eingangsstufe, einfach, weil sie dort besser lernen können. Ich mag dieses Modell sehr gern. Ich finde, da hat sich jemand gründlich Gedanken gemacht und entspannt und großzügig konzipiert. Und ich mag, dass es in einer ganz normalen, eher konservativen katholischen Grundschule stattfindet. Schon seit zehn Jahren. Anfang der Neunziger saß ich in genau den Räumen und wurde von Lehrern in grauen Dreireihern und greisen Priestern unterrichtet. Wie schön, dass die Schule die Kurve gekriegt hat, obwohl die Rektorin immer noch die gleiche ist.
Viele Eltern sehen das Modell ziemlich skeptisch und sorgen sich, dass die Kinder bei der ganzen selbstständigen Arbeit und dem kooperativen Ansatz fachlich zu wenig lernen. Ich habe da null Befürchtungen. Es gibt natürlich das übliche Curriculum, alle paar Wochen werden Lernstandserhebungen durchgeführt, die Lehrerin hat gut im Blick, wo sich welcher Schüler gerade befindet. Dr. Schmotzen zum Beispiel ignoriert in ihrer Freiarbeit Mathe konsequent. Die ackert dafür alle Materialen zu Schreibübungen in Blitzgeschwindigkeit durch und lernt Gedichte auswendig. Dann und wann drückt die Lehrerin da mal auf die Bremse und sorgt für Ausgleich. Dann gibts Mathewochen fürs Kind.
Im letzten Schuljahr gehörte Dr. Schmotzen zu den Kleinen. Da hat sie meistens gute Erfahrungen mit ihren Partnern gemacht, manchmal aber auch schlechte und genau in den Momenten meinte sie, dass sie sich als Zweitklässlerin pädagogisch mehr Mühe mit ihrem Erstklässlerpartner geben werde. Vor allem in den ersten Monaten wolle sie sehr milde und geduldig sein. Wolle großmütig und zugetan ihrem Partner zu geistigem und persönlichem und körperlichem Wachstum verhelfen. Wolle engagiert und aufgeschlossen der humanistischen Lehre dienen und stets mit gutem Beispiel vorangehen. Niemals vorsagen, niemals ablenken, niemals die Bleistifte des Lernpartners ausleihen und dann verschwinden lassen, niemals dessen Pausenbrot essen. Nun denn. Morgen werden die neuen Kinder eingeschult, wir werden sehen, wie es sich anlässt. Vermutlich wird sie ziemlich oft genau so eine Besserwisserin sein, wie es in der Natur der Zweitklässler nunmal liegt.