Gestern gingen wir ins Konzert

Monsieur LeGimpsi und ich. Die Klassische Philharmonie Bonn lud zu Gluck, Grieg und Beethoven. Monsieur LeGimpsi ist ein Kenner der Materie und wenn die Gelegenheit günstig ist, niste ich mich parasitär bei ihm ein und leihe mir seine Ohren. Gestern hätte er sie ruhig für sich allein haben können. Meine Hörgänge sind zwar untrainiert, trotzdem meine ich erkannt zu haben, dass die Damen und Herren des Orchesters leidlich unmotiviert bei der Sache waren und auch die Pianistin sich vor allem damit beschäftigte, eine Pianistin zu spielen.
Liest Monsieur LeGimpsi diese Einschätzungen, wird er mich mit jenem ernsten, bedenklichen Blick anschauen, den er immer dann trägt, wenn er meine Neigung zur Überheblichkeit betrachtet (zudem weiß er von diesem Blick nicht, was die Sache noch bedenklicher macht).
Eigentlich wollte ich von uns berichten. Von den Menschen im Publikum. Schlechterdings fühlen Monsieur LeGimpsi und ich uns sehr oft sehr alt im Vergleich zur Kontrollgruppe. Das mag daran liegen, dass wir ein Kind haben und aufs Land gezogen sind. Unsere Abendgestaltung beispielsweise hat FSK 0.
Gestern aber sind wir in einen Jungbrunnen gefallen. Das Durchschnittsalter betrug 71 Jahre und das auch nur weil vier greise Menschen von ihren Zivis getragen wurden. Über dem Saal hing ein 8 m² großes Kölnisch-Wasser-Duftbäumchen und durch die Luft schwirrten Begriffe in Sütterlin. Die alten Damen hatten sich in Schale geworfen und ihre besten Steppwesten angezogen. Die Haare lagen fluffig, gespannt wartete man auf die ersten Klänge. Ein männlich anerkennendes Raunen ging durch die Reihen als die dekolletierte Pianistin in roter Robe an ihr Instrument schritt.
Und dann begann es. Der Räusperer war sehr zaghaft, verhuscht. Sogleich gesellte sich ein stark verschleimter Rachen hinzu. Dankbar ergriff der trockene Reizhusten die Gunst der Stunde und bahnte sich den Weg nach draußen. Bonbontüten wurden aus Taschen gezogen, Nasen geputzt, jemand verließ den Saal. Allein, es fand kein Ende
Ich weiß nicht, für wen die Zuschauer beim Schlussapplaus ihre Beinchen so begeistert auf den Boden trommelten, vielleicht haben sie ihr überraschendes Überleben gefeiert. Ein Hörgenuss der Extraklasse war dieser Abend jedenfalls nicht.
Jetzt werde ich meine Oma besuchen. Ich mag alte Menschen, wirklich.
(Nichts für ungut, Herrschaften. We cool, right?)

3 Replies to “Gestern gingen wir ins Konzert”

  1. […] Husterei, bestimmt einmal einen eigenen Blogeintrag wert. Mehr Eindrücke dazu kann man übrigens hier nachlesen. Tags: Beethoven, Gluck, Grieg, Klassische Philharmonie […]

    Antworten

  2. […] Nämlich dann, wenn er Menschen bestimmter sozialer Gruppen ausschließt. Als ich über unseren Besuch im Konzert berichtete und dabei die älteren Herrschaften genauer betrachtete, kam das bei manchen nicht so […]

    Antworten

  3. […] bestimmt einmal einen eigenen Blogeintrag wert. Mehr Eindrücke speziell dazu kann man übrigens hier nachlesen. </div> […]

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.