90 minutes well spent (FCK AFD)

Heute habe ich etwas sehr ungewöhnliches gemacht: Es war spontan und neu. Das ist eine Kombi, die kommt in meinem Leben so gut wie nie vor.
Wir wohnen hier direkt neben einem Kirchplatz. Dazu gehört auch eine Kirche, sogar die älteste der Stadt. Und weil sich darin kunsthistorische Schätze befinden, wird sie innen bewacht von Ehrenamtlichen. Und wenn man die Kirche besucht und sie sich anschaut, bekommen die begleitenden Kinder am Ende immer Süßigkeiten angeboten. Wir sind sehr oft in der Kirche. Die kleine Tochter hat für eine ungetaufte Atheistin ein außergewöhnlich großes Interesse an religiösem Interior Design. Fun fact: Der Kirchplatz war vor einigen Jahrhunderten der Ort, an dem die Verstorbenen bestattet wurden. Man läuft also quasi unterm Kopfsteinpflaster direkt über christliche Skelette. Creeps.
Jedenfalls ist samstags immer Markt direkt neben unserer Haustür. Und wenn Wahlkampf ist, stehen dort oft auch ein paar Parteien mit ihren Ständen. Und heute zum ersten Mal in dieser aktuellen Wahlkampfsaison auch die AfD. Ich hab morgens also über Twitter erfahren, dass da so Faschos ihre Scheiße spreaden, glaube, das ist der korrekte wissenschaftliche Ausdruck, und weil ich die letzten Jahre dann immer so eine riesige destruktive Wut bekommen habe, ich als privilegierte Person, die sonst nicht viel direkt mit dieser Partei zu tun haben muss, außer sie steht halt mit ihrem häßlichen türkisen Tisch vor meiner Süßigkeitenkirche, dachte ich: Entweder du bist jetzt einfach den ganzen Tag lang wütend oder du gehst da jetzt hin und guckst, was du machen kannst.
Und dann bin ich dahin und hab geguckt, was ich machen kann. Da standen um den Stand verteilt schon Aktivist:innen herum und haben Flyer verteilt. Und dann bin ich zu einer Person hin und hab einfach gefragt, ob es helfen würde, wenn ich auch ein paar Flyer verteile. Ich war selbst ganz überrascht von dieser Idee, die mein Sprechapparat völlig ohne kognitiven Input formuliert hat, aber fand sie dann ganz gut. Und schon bekam ich einen Stapel Faltblätter überlassen und den Tipp, keine Diskussion mit Nazis zu beginnen. Ich hab mich dann auf die Suche nach einem strategisch günstigen Platz gemacht und auch direkt gefunden: Kleine Kreuzung, da wo Smoothie-Wagen, Apotheke, komische Eckkneipe und Bäckerei aufeinandertreffen. Da stand nämlich eine Frau von der AfD und neben ihr zwei Gegenaktivisten und dann für die nächsten 90 Minuten auch ich. Wir haben die Nazifrau nie allein gelassen.
Und dann hab ich einfach die Leute angesprochen, die an mir vorbeikamen und ihnen Informationsmaterial gegen die rechte Partei angeboten. Und nach mir hat die Nazifrau ihnen dann Informationsmaterial für die rechte Partei angeboten und dazu noch einen häßlichen türkisen Kugelschreiber. Oder andersrum, erst sie, dann ich. Das war eigentlich cooler, weil man der Nazifrau dann so angenehm ins Wort fallen konnte und weil wir zu dritt waren, konnte sie dann auch nichts machen. Und sehr sehr oft war es einfach so, dass die Leute der Nazifrau gegenüber sehr deutlich zum Ausdruck gebracht haben, was sie von antidemokratischen Scheißparteien halten und sich bei uns für die Präsenz bedankten und das war dann immer wie ein Eigentor des Gegners mit direktem Anschlusstreffer für einen selbst, um hier mal beim Schach zu bleiben.
Ich habe gemerkt: Sehr viele, die allerallermeisten, die heute an uns vorbeikamen, sind gegen die AfD. Auch die alten Opis, auch die älteren Konservativen. Und echt viele haben schon per Briefwahl gewählt.
Haben wir heute jemanden überzeugt, die AfD nicht zu wählen? Vermutlich nicht. Bezweifle, dass das mit einem kleinen Flyer, den man zwischen Brötchentüte und Einkaufskorb geklemmt bekommt, geht. Aber es hat richtig gut getan, neben einer Nazifrau zu stehen und ihr zu zeigen, dass sie kein Recht hat auf Nazipropaganda, dass sie nicht unwidersprochen bleibt.
Guter Start ins Wochenende, keine Wut weit und breit, will ich mir merken.

2 Replies to “90 minutes well spent (FCK AFD)”

  1. Heldin!

    Haben die von der AfD sich gar nicht beschwert?
    Und: Wer waren denn die Anti-AfD-Leute, die schon da waren?

    Aber völlig unabhängig davon: Heldin! Echt jetzt!

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    1. Ach Quatsch, ich hab das echt vor allem für mich selbst gemacht, hatte wirklich null Bock auf diese destruktive Wut, die dann länger nicht weggeht.
      Also da waren Personen der Aktion für Demokratie und Respekt (ADUR) vor Ort. Die informieren auch über den Twitterkanal von BI gegen Rechts, sobald jemand einen Nazistand entdeckt (wobei der für nächstes Wochenende wohl schon einigermaßen feststeht).
      Doch, die AfD-Dullis haben sich schon beschwert, hab das aber in der Nachbesprechung erst so richtig erfahren, da ich mich nicht direkt dort am Stand aufgehalten hab (die Grünen und die Linken waren übrigens auch mit eigenen Ständen da, schon ziemlich dicht beisammen alle). Jemand von ADUR stand in einem großen Kackehaufen-Emoji-Kostüm vor dem AfD-Stand. Das war sehr gut schon mal für die Optik. Und dann gabs da schon ein paar verbale Schlagabtausche, in denen die AfD-Leute mit widersprüchlicher Argumentation geglänzt haben und sich beschwerten, wie ungerecht sie behandelt werden (Gegenfrage dann: Sehen Sie sich also als Opfer?, AfD-Person: NEIN!).
      Naja. Die Nazifrau, neben der ich stand, hatte immer nur passiv-aggressives Rumgezischel für uns übrig.

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