Reden mit dem Kind

Das Kind hat mitbekommen, dass sein Lieblingsgeschichtenerzähler Harry Rowohlt nicht mehr lebt. Wir haben dann über Fluch und Segen der Übersetzungstätigkeit gesprochen. Fluch, weil Übersetzung immer in den literarischen Text eingreift und ihn verändert. Ich bin da ziemlich konservativ: Ein Kunstwerk, an dem nach der Fertigstellung ein bestenfalls fähiger, qualifizierter Handwerker rumgeschraubt hat, ist nur noch eine Version des ursprünglichen Kunstwerks. Sie ist verändert, was ja erstmal kein Qualitätsurteil ist (bei Rowohlt war die Übersetzung sogar oft besser als das Original, aber Rowohlt selbst war ja möglicherweise auch eher Künstler als Handwerker). Aber mich interessiert halt eher das Original, weil ich der Meinung bin, dass dort die meiste Dichte und Power drinsteckt. Und Segen, weil die Übersetzung uns natürlich Zugang zu einem unendlich großen Haufen Kulturgütern verschafft, der uns durch die Sprachbarriere sonst verwehrt bliebe. Das Kind sieht darin einen viel größeren Wert und ist natürlich Team Segen.
Es wird immer schöner, mit dem Kind zu reden. Es wird gleichzeitig immer komplizierter, dem Kind Dinge zu erklären, es geht dabei differenzierter und differenzierter vor sich. Und je differenzierter es vor sich geht, desto mehr Grundlagenwissen muss erläuternd in das Kind rein. Man landet dabei fast immer bei anthropologischen oder naturwissenschaftlichen Basisannahmen, wobei ich von letzteren erstaunlich wenig weiß. Und es gleicht didaktisch ganz oft der Lösung eines Rätsels, einen Weg zu finden und zu bauen, den das Kind versteht und der so ausführlich wie möglich und simpel wie nötig ist, um des Kindes Kopf mit neuem Denkmaterial zu füllen. Oft hab ich zu Beginn der Unterhaltung dann meinen Mathelehrer im Ohr, der sagte immer: Ist von Lösung keine Spur, zeichne eine Planfigur. Und so mach ich das dann, mit Stift und Papier.

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