Terézia Mora: Alle Tage

Ein Kreis aus Lesern
Götterfunken, ich bin Teil eines Lesekreises. So richtig wie damals als ich in Nordamerika war und die feinen Damen des Ostküstenortes sich einmal im Monat gegenseitig besuchten um über ein von Oprah ausgewähltes Buch zu sprechen und es eigentlich die ganze Zeit um Wohnzimmerdekoration, kohlenhydratarme Ernährungsweisen und republikanische Betrachtungen ging. Prinzipiell ist es bei meinem Lesekreis ähnlich. Wir suchen ein Buch aus, lassen es jeder durch uns durchsickern und verlieren dann kein Wort darüber. Wir könnten räumlich auch nur höchstkompliziert zusammenkommen, ein Drittel lebt im Ausland. Wer unbedingt möchte, kann aber in sein Internetweblog schreiben, was er vom Gelesenen hält. Das reicht dann.

Welches Buch haben wir gelesen?
»Alle Tage« von Terézia Mora, 2004

Und, wir wars?
Also Spaß ist anders. Das war eine durchaus anstrengende Lektüre. Schon noch lesbar, sprachlich hat sich da nichts irgendeinem Zugriff verwehrt, aber narrativ stellenweise durchaus am Rande der Gemütlichkeit.

Nennen wir die Zeit jetzt, nennen wir den Ort hier. Beschreiben wir beides wie folgt. (S. 9)

Terézia Mora erzählt von Abel Nema, der mit Anfang zwanzig sein Land verlässt nachdem dort sein Vater, sein Freund und der Frieden gegangen sind. Er kommt auf leisen Sohlen irgendwo neu an und beginnt, Sprachen zu lernen. Zehn Stück, akzentfrei und klinisch rein. Er erhält ein Stipendium und nutzt es als Eintrittskarte in Bibliotheken, dort verbringt er seine Tage. Zum Schlafen hat ihn eine Wohngemeinschaft gefunden. Sie ist die erste Station von mehreren und alle würden ihm Gewalt antun, wenn er sie ließe. Aber er lässt sie nicht, denn er wohnt da nur und lebt da nicht. Wo lebt er eigentlich? Später wird ihn eine Gruppe Musiker, ein Schlachter und ein Barbesitzer finden und er wird mitgehen. Und am Ende ist da noch eine Frau und ein Kind, aber mit denen passts auch nicht richtig.

Und so weiter. Er wanderte wie eine Stafette von Hand zu Hand, als wäre es irgendwo so abgesprochen gewesen, gut organisiert, es war immer einer da. (S. 340)

Und wie er so mitgeht und wie die Dinge es so mit ihm treiben, ist eigentlich die ganze Geschichte.
Sie ist in kleinen Episoden aufgeteilt, die nicht chronologisch aneinanderhängen und durch deren Lücken der Wind pfeift. Zusammen hält sie der Rahmen, wie Abel halbtot kopfüber an einem Klettergerüst baumelnd gefunden und seine Ehe mit Mercedes geschieden wird. Wie er dahin gelangt, wird auf ziemlich eindrückliche Weise erzählt.

(…) wollte sie ihm ins Gesicht schauen, musste sie immer wieder scharf stellen, wie in einem fahrende Zug, mir taten schon die Augen weh (S. 327)

Der Text wirkt mit seinen vielen von Klammern gehaltenen Einschüben und Kommentaren wie ein Kippbild. Man liest einen Satz und folgt dem Erzähler, bis eine zweite Erzählinstanz dazwischengrätscht und einen Bedeutungswechsel reinrieselt, der den Sinn erweitert. Das ist manchmal nur die Erwähnung von Charakteren, denen die letzten Sätze nachträglich zugeschrieben werden: »Draußen sammelte sich eine letzte Brüllhitze, als würde der scheidende Sommer mit hochrotem Kopf noch einmal das Maul aufreißen und einen (Mercedes, das ist ihre Assoziation) heiß und verächtlich anhauchen (…)« (S.11)
Dadurch wächst eine Metaebene, die eine unmittelbare Nähe zum Text empfinden lässt, als säße man in der Schaltzentrale des Erzählers. So entsteht eine ständige Spannung, immer wieder justieren sich die Orientierungspunkte um. Man stellt vor dem inneren Auge ununterbrochen scharf. Das ist anstrengend, verlangt ständige Wachheit, zieht aber auch wie nix in den Text rein. Ich kenne diesen Effekt eigentlich nur von der Dramenform.
Und zusätzlich taucht zu allem Übel andauernd ein Ich-Erzähler auf, der sich nicht immer direkt zuordnen lässt. Ich habs irgendwann aufgegeben, Leerstellen füllen zu wollen und mich einfach mitschleifen lassen. Von da an wars gut. Es lebe der Tod des Lesers, ha.

 Aber schließlich tat er doch nur das, was er in einem anderen Maßstab schon die ganze Zeit getan hatte. Er fuhr kreuz und quer durch Land, respektive die angrenzenden, soweit er eben kam, ohne den Pass vorzeigen zu müssen.

Ich mag die Auswahl an Charakteren in diesem Buch, die sind alle ein wenig kaputt. Manche haben eine narzisstische Störung, manchen fehlt ein Auge. Ich mag auch die Geschichte, wie jemand einmal keinen Platz in der Welt gefunden hat und sich fortan für nichts mehr wirklich zur Verfügung stellt. Am besten hat mir das Erzählen gefallen, das ist wirklich gut gemacht.

Wer sonst möchte was übers Buch sagen?
B.
ben_

Und als nächstes?
Welches Buch wir als nächstes lesen, steht noch nicht fest. Wer einen Vorschlag machen möchte, fühle sich eingeladen, die Kommentarfunktion zu nutzen.

2 Replies to “Terézia Mora: Alle Tage”

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