Petersilie schneiden

Sonntags morgens nach dem Frühstück sind wir zu Dir in die Trabantenstadt gefahren. Einer von acht Schlüsseln zu Deiner Wohnung gehörte uns und so brauchten wir nicht zu klingeln.
Im Hausflur roch es nach modriger Würze und wir haben Herrn Weiss, der in Geheimsprache Herr Sahne hieß und der in Wahrheit schon über hundertfünfzig Jahre alt war, wie alle anderen Deiner Nachbarn auch, nur kurz hallo gesagt und sind dann direkt zu Dir gegangen. Du saßest in der Küche und hieltest ein Kräuterwiegemesser, mit dem Du krause Petersilie geschnitten hast. Zur Begrüßung haben wir Dir nacheinander die Hand gegeben, auch Dein Sohn. Du hast uns Deinen kleinen gebeugten Handrücken hingehalten, den wir dann schüttelten, weil Du nasse Hände hättest und wir wussten, eigentlich wegen der Gicht.
Wir haben Licht im Flur gemacht mit Kippschaltern, die wie Zigarettenstummel aus der Wand ragten. In jedem Zimmer schauten wir nach dem Rechten und dann sind wir zum Spielplatz gegangen.
Als wir hungrig waren, kehrten wir zurück und aßen Kartoffelbrei und Petersilie mit Erbsen und Möhren aus der Dose und irgendein paniertes Fleisch. Wenn die Teller zu warm waren, hieltest Du sie aus dem Fenster. Manchmal kam draußen jemand Bekanntes vorbei und dann habt ihr geredet und nach der Verabschiedung war das Essen nie zu heiß. Öfter fanden wir ein Haar im Brei, das ließen wir dann am Tellerrand liegen und schauten auf Deinen fast kahlen Kopf. Ich ging ins Balkonzimmer und holte den Pudding. Ich habe nie wieder so einen Pudding gegessen. Ich wüsste auch nicht, wie man ihn kocht. Du hast uns eine Apfelsine ausgepresst und mit heißem Wasser gestreckt. Ich habe nie wieder heißes Wasser mit Orangengeschmack getrunken und wüsste auch nicht, wozu.
Du hast viel geredet und Dein Sohn hat viel zugehört und Dir Zeit gegeben, während er die Gonguhr aufzog.
Wir haben einen Marsch aus der Musikbox gespielt, gemalt, ferngesehen, uns vor der Toilette gegruselt und sind auf den Kamin geklettert.
Ganz am Ende bist Du zuerst aus der Tür gegangen und nach Dir Dein Sohn und darüber bin ich heute sehr froh.

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