Praxis frisst Theorie. Theoretisch

Die Frage ist: Darf Dr. Schmotzen sich das Haar schneiden?
Monsieur LeGimpsi meint, nein, denn sie ist ein vierjähriges Kind, nicht fähig, die Konsequenzen ihrer Entscheidung zu überblicken und darum vor sich selbst zu schützen.
Ich meine, ja, denn sie ist ein vierjähriges Kind, erfahrungsbasiertes Lernen wird ihre beste Schule sein, sie kann die Konsequenzen ihrer Entscheidung ruhig jetzt schon genau so spüren, wie für den Rest ihres Lebens, außerdem bluten Haare nicht und wachsen nach.
Das ist schwierig. Ich kann Monsieur LeGimpsis Punkt verstehen, dass wir sie bei Entscheidungen begleiten sollten, die sie nicht völlig überblickt. Andererseits finde ich die Erfahrung, die sie macht, wenn sie ihre Ananasfrisur im Spiegel sieht, viel tiefer, als die elterlichen Erklärungen, was optisch passiert, wenn jemand ohne Urkunde der Handwerkskammer Hand an sein Haar legt.
Im Laissez-faire steckt etwas, das ich sehr mag. Für mich bedeutet es, dass Kinder ernstgenommen werden. Ihnen die Welt als Material zu geben und damit machen zu lassen, sie gleichzeitig wahrzunehmen. Darin liegt viel Zuspruch und Wachheit. Wenn ich Dr. Schmotzen als entscheidungsfähigen Menschen sehe, gebe ich ihr neben dem ganzen unmittelbar guten Zeug wie Freiheit, Kreativität, Selbstständigkeit, die Möglichkeit, zu scheitern. Und mit einer Sache zu scheitern und sie gegen die Wand zu fahren, ist etwas äußerst wünschenswertes, dann und wann. Nach der ganzen Frustration folgt oft nämlich eine kleine Phönix-aus-der-Asche-Situation und schwupps ist eine Lösungsstrategie entwickelt und das Kind hat sich ganz allein rausgezogen. Manchmal folgt auch nur die Erkenntnis, dass man mitunter auch einfach mal Pech hat, denn so ist das Erdenleben. Wie kann das was anderes machen, als bärenstark und gesund?

6 Replies to “Praxis frisst Theorie. Theoretisch”

  1. Sehr spannend – und wir habt Ihr Euch entschieden? Ich hätte da ja mit der Entscheidung nicht gezögert …

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    1. Nun ja, sie hat sich ein paar Strähnen abgeschnitten. Da sie ihre Haarschnitte sonst auch nur aus meiner ungeübten Hand erhält, fällt die Schiefheit auch gar nicht weiter auf.
      Sie ist dann ins Bett gegangen und hat über Nacht vergessen, dass es auf ihrem Kopf Möglichkeiten der Selbstverwirklichung gibt. Jedenfalls hat sie bislang nicht weitergeschnippelt.

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  2. Eigenen Kindern selbst die Haare zu schneiden ist für mich übrigens ein ganz besonderes, viszerales Erlebnis.

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  3. Wieso glaubt ihr, dass sie scheitern würde? Das Gelingen liegt ja nun im Auge des Betrachters. Es kann genauso gut ein Erfolgserlebnis werden, weil ihr eben Ananasköpfe gut gefallen. Das Ergebnis ist offen, nicht der Erwachsene bewertet, dann macht Laissez-faire Spaß!

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    1. Ja, da hast Du Recht! Dazu passt auch der heute Post auf anders anziehen ganz gut.

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