Schöne neue Welt

Verschlungene Büropfade haben mich zu einer Kundenmagazin-Kolumnistin werden lassen. Eigentlich werde ich ja für andere Tätigkeiten bezahlt, fortan schreibe ich zusätzlich für den Elternclub einer äh Drogeriekette über meinen Job als Mutter. Nun ja. Jedenfalls darf ich jetzt mit den coolen Kindern aus der Redaktion spielen. Redakteure sind wirklich gesegnet. Sitzen den ganzen Tag rum, recherchieren, konzipieren, interviewen, schreiben und stimmen sich mit der Grafik ab. Grafiker! Alter. Grafiker sind die Kaiser. Nur die Leute vom IT-Support sind mir lieber. Wenn meine Texte gelayoutet werden, gehe ich zu einem Grafiker, sage dem wirr und unverständlich, was ich mir grafisch vorstelle und peng setzt der was ganz anderes um und es sieht fabelhaft aus, meistens bis immer. Wenn mir jemand eine Umschulung schenkt, werde ich Grafiker. Falls das nicht klappt, zwinge ich später auf jeden Fall Dr. Schmotzen dazu.
In der letzten Woche habe ich einen Text für die Kolumne geschrieben, in dem es um das Kind und sein pinkes Leben geht. Ein Lightanteil Gender-Trouble steckt drin, der hoffentlich die Freigaberunde beim Auftraggeber übersteht. Die Kernaussage ist natürlich, dass ich den freien Geschmack meiner Tochter respektiere und ihn ihr lasse. Ich unterstütze sie sogar darin und schenke ihr mehrere Quadratmeter pink:
Gestern und heute haben der Monsieur und ich in Dr. Schmotzens Abwesenheit das Kinderzimmer entrümpelt und renoviert. Während ich zunächst in einer Sporthalle bei einem niemals endenden Volleyballspiel auf Bälle schlug und Annahmen verhagelte, begab sich der Mann in den allerschlimmsten Raum und schuf aus dem Lager für Schrauben, Papierschnipsel, Zopfgummies, Magnete, Stempel, unvollständige Puzzle und Allerlei drei Haufen in aufsteigender Größe: im Kinderzimmer behalten, ins Archiv für zukünftige Kinder überführen, dem Haushalt dauerhaft entziehen.
Wir haben einen Großteil Dr. Schmotzens Gegenstände weggeschmissen. Ist das erlaubt?
Das Kind ist ein Bewahrer. Es administriert sechzehn unterschiedliche Sammlungen. Die absurdeste besteht aus sorgsam zerfitzelten Papiertaschentüchern. Bestand. Das Zimmer war voll mit Kram und arm an Platz, aufzuräumen brachte regelmäßig nur kurz Besserung. Wir haben uns also in moralisch grenzgraues Gebiet begeben und über Dinge verfügt, die uns nicht gehören und deren emotionalen Wert wir schlecht einschätzen können. Das Kind hat nun einen fast leeren Raum, in dem neue, halb gefüllte Aufbewahrungsmöbel stehen, einen Teppich, der ihm eine abgegrenzte Spielfläche gibt, und vorsichtshalber, als Verkaufsargument, eine pinke Wand.
Als ich in der letzten Nacht die Wand strich, mit einem sportmüden Körper, sorgend, dass die Farbe nicht reicht, fiel mir auf, wie wichtig Legenden sind. Ich überlegte, wie ich Dr. Schmotzen erklären könnte, dass wir Hand an ihre Sachen gelegt hatten. Wenn ich meine Tochter über etwas informiere, verweise ich ziemlich oft auf die Geschichten meiner eigene Kindheit. Und ich merke dann, wie sie ihr Halt und Orientierung geben. Und wie mir damals die Geschichten meiner Eltern etwas übers Menschsein und Identität gezeigt haben, wobei meines Vaters Erzählungen die weitaus besseren waren. Die meiner Mutter handelten meistens davon, wie sie weite Teile ihrer Kindheit mit ihrem kleinen Küchenofen gespielt hat, im Wald rumsaß und nicht sprach (dafür konnte sie mir besser vorlesen). Ich glaube, Werden und Wachsen, auch kollektiv, geht über Geschichten, über Mythen, die auf menschliche Ureinheiten verweisen. Legenden, plötzlich habe ich sie verstanden. Zumindest dachte ich das gegen ein Uhr zwanzig letzte Nacht. Es folgte unruhiger Schlaf mit mehreren Träumen, in denen ich immer wieder in Gewehrläufe blicken musste, die sich in letzter Sekunde dann abwandten und andere Menschen anpeilten. Ich rannte viel. Heute morgen habe ich dann die pinke Wand veredelt und meinen Angstgegner, die Bohrmaschine, bezwungen. Wenn ich bohre, denke ich, augenblicklich treffe ich auf eine Starkstromleitung und falle tot um. Andererseits macht es wesentlichen Spaß, Steinstaub rieseln zu lassen und etwas zu bauen. Und das ganze Getöse erst.
Das Kind mag das Zimmer im neuen Zustand, es mag die Klarheit und Weite. Es begann sofort mit einer Inventur des Besitzstands und bislang habe ich noch keine Vermisstmeldung aufgenommen. Vielleicht findet es die Leere im neuen Raum ja verheißungsvoll und vortrefflich gestaltbar.

6 Replies to “Schöne neue Welt”

  1. Glückwunsch euch beiden zur Beförderung! Und wenn Deine gegen Geld geschriebenen Texte nur halbso gut sind, wie dieser, wäre Du eine Umschulung Sünde, finde ich.

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    1. Guten Dank für die Charmanz alter Schule! Befördert wurde ich nicht, es hat sich einfach mein Aufgabenbereich erweitert. Okay, wenn ich das so schreibe, klingt das ein wenig nach lose-lose. Hm.
      Das Wochenende im Baustellenzimmer hat mich daran erinnert, wie gern ich mit den Händen und meinen Puddingmuskeln arbeite. Vielleicht lasse ich mich zum Bauarbeiter umschulen.

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      1. Ach! Darauf wollte ich ja auch noch eingehen: Stichsägen! Stichsägen sind noch viel kuhler als Bohrmaschinen. Stichsägen, Akkuschrauber und Spaxschrauben und für 10 Mark Holz. Kein Kinobesuch (hab ich mal der vergleichbaren Kosten wegen ausgewählt) kann glücklicher machen! Und Kinder stehen voll auf sowas. Wie ich weiß.

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  2. Famos! Was ist es? Sieht nach einer Science-Fiction-Holzskulptur aus. Die Stadt in den Wolken …

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    1. Es ist eine Bohrmaschine. Ein wenig tautologisch angehaucht, das Kind. Baut mit einem Werkzeug ein Werkzeug.

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