Originäre Texte sind antastbar, stimmts?

An manchen freien Tagen gehe ich in den Kindergarten, schnappe mir ein paar Fünfjährige, wir bauen uns eine Kisseninsel und ich lese vor. Meistens Geschichten von Sven Nordqvist oder Helme Heine, dieses ganze neuere Zeug. Aber vor ein paar Wochen war auch Michael Ende mit dem Traumfresserchen im Bücherstapel. Mitten in der Geschichte hörte ich mich plötzlich »Neger« sagen. Einigermaßen unbeholfen stolperte ich den Satz zu Ende und war froh, dass Fabian, der immer laut und blöd ist, sich in genau dem Moment zu neuen Spitzenleistungen aufschwang, ich das Buch zur Seite legen konnte und ihn begleitend rausschmiss. Auf dem Weg zurück zur Kisseninsel überlegte ich dann, ob ich diesen Satz, dieses Wort nochmal neu formulieren, ob ich korrigieren oder besser noch einordnen sollte. Ich beließ es dabei und las die Geschichte ohne weiteren sprachlichen oder pädagogischen Vorfall zu Ende, die im übrigen bei der Hörerschaft nicht besonders gut ankam und wechselte ins zeitgenössische Fach.
Ein paar Tage später meldete der Thienemann Verlag, dass ein Buch aus seinem Programm sprachlich überarbeitet wird, um Begriffe mit etwa politisch negativer Konnotation nicht länger zu verbreiten. Es ist als behutsame Unternehmung angelegt, bei der sämtlicher literarischer Wert aller Textstellen beibehalten werden soll.
Mein kulturkonservatives Herz begann gleich, ganz flatterig zu taumeln beim Gedanken, dass heiliges originäres* Material angefasst werden sollte und ich dachte an meinen Großvater, der ein Gemälde aus vorvergangenem Jahrhundert eines langweiligen Tages mit Farbe aus seinem höchsteigenen Tuschekasten zerstörte. Dann endete meine Verwirrtheit. Letzteres entspringt Größenwahn, der Austausch einzelner Wörter rassistischer Art ist zur grundlegenden Erhaltung und Fortführung eines Werks notwendig. Spätestens als ich mir klarmachte, dass ich die Überarbeitung von Texten anderer Gattungen, Filmen oder Serien etwa, als ganz selbstverständlich betrachte, wenn sich dort ein Diskriminierungsvorwurf über die Jahre verschärft.
Und warum sollte literarischer Text auch nicht verändert werden? Das wird er doch andauernd und aus ganz anderen Gründen. Wäre originäres Material unantastbar, könnte ich nie Haruki Murakami lesen, weil niemand ihn für mich ins Deutsche übersetzen dürfte. Die Gleichberechtigung von Übersetzungen erklärt Isabel Bogdan in mehreren Artikeln übrigens sehr anschaulich. Texte leben, sie entwickeln sich, wachsen mit der Zeit und bleiben so relevant. Gerade Übersetzungen werden andauernd überarbeitet, Madame Bovari beispielsweise wurde letztes Jahr zum Entzücken des Feuilletons neu ins Deutsche gebracht und der alte Flaubert durchlebt seither seine zweite Jugend.
Lassen wir den Archiven der Staatsbibliotheken ein paar Erstausgaben der ursprünglichen Fassungen, sie sollen uns zeigen, woher wir kommen, sie können um ihres eigenen Kunstwertes willen bleiben, machmal stecken wir unsere Nase rein und forschen in ihnen herum oder gleichen uns an ihnen ab.
Reinleben und aufgehen sollen sich meine Kinder in Geschichten mit gewalt- und wertfrei konnotierter Sprache, in Geschichten, in denen ihnen nicht beim Zuhören ihr Platz in der Dichotomie Selbsthaftigkeit und Andersartigkeit zugewiesen wird.
Mein Lieblingsbeitrag zum Thema: astefanowitsch fasst in seinem Podcast die Haltung des weißen Mannes mit seiner ewigen Deutungshoheit in diesem Diskurs zusammen.

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* mit originär meine ich die allererste publizierte Fassung. Dass der Begriff weitaus differenzierter zu betrachten ist, zeigt Ben, der naturgegeben ein diversifizierteres Gehirn hat als ich.

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