Das Kind im Kleid

»ich habe mich bederuhicht« brüllt das Kind mich an.
Beruhigt hat sich hier niemand und bestimmt nicht das zerzauste Ding, das vor mir steht und kurz davor ist, mir seinen Puppenlöffel ins Herz zu rammen. Sich beruhigt haben bedeutet im allgemeinen, aus dem Kinderzimmer entlassen zu werden, das es für die Dauer seines zornigen Ausbruchs als Exil zugeteilt bekam. Sich beruhigt haben bedeutet im besonderen, in normaler Stimmlage und unter Verzicht auf den singulären Imperativ über Kleidungsfragen sprechen zu können. Denn Kleidungsfragen sind seit geraumer Zeit Existenzfragen für Dr. Schmotzen.
Die Doktorin trüge nämlich ausschließlich Kleider und Röcke, wenn sie das alleinige Entscheidungsrecht hätte. Und jeden Tag die gleiche Strumpfhose, immerzu das selbe verdreckte Paar. Nun haben wir uns mit Blick auf den Winter auf einen Hosentag pro Woche geeinigt. Einmal die Beine in eine Jeans zu stecken, ist zumutbar, finde ich.
Hat die letzten vierzehn Tage auch einigermaßen funktioniert. Bloß heute haben wir eine neue Dimension erreicht. Heute weigert sie sich nämlich, ihren Schlafanzug anzuziehen, weil sie auch nachts »schitte tleider« tragen möchte und da ist sie sich ihrer Sache sehr sicher.
Nach ein paar Runden tautologischem Wortgefecht fällt im Kind ein innerer Vorhang und das die Kurzverbannung einleitende Getöse beginnt. Und wenn ich in ihm nicht meine eigene Vierjährigkeit sehen könnte, zwar mit anderen Themen, Röcke und Kleider waren noch nie meine besten Freunde, aber mit genau dieser Wut und dem Willen zum Destruktiven, mit dem größtmöglichen Gefühl einer weltumfassenden Ungerechtigkeit, wüsste ich mit diesem Spektakel nichts anzufangen.

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