Ein

gewaltiger Ausbruch ganz nah. Mir bleibt die Übelkeit.

Ein letztes Leben

Meine Omi sitzt am Fenster. Nie geht sie nach draußen. Meistens schaut sie auf den Garten. Dort hätte ihr Fahrrad gestanden. Die Ohren sind schwach, manchmal schenken sie ihr Musik. 100 Jahre alte Ohren spielen eine gemäßigte Melodie. Diminuendo.
I wish the Lord would take me, sagt sie. Meine Omi spricht kein Englisch. Müde sei sie, das Leben zu lang. Wohin soll das alles führen.
Sieben Kinder hat sie und viel Besuch. Jeder bringt ihr etwas mit, nichts möchte sie behalten. Nur ihre Geschichten. Sie erzählt nicht mehr viel. Fragt nur noch. Wie geht es den Enkeln? Trinken sie genug? Brauchen sie neue Schuhe? Wann kommt der Regen? Der Blick aus dem Fenster sobald das Interesse verschwindet. Charmant ist sie. Schon immer. Es ist leicht zu lachen bei ihr.
Das Essen schmeckt nicht mehr, sie winkt ab. Verschwindet.
Wie viele Leben stecken in einem Jahrhundert?
Bis bald, Omi. Doch da schaut sie schon wieder auf den Garten.

Jetzt

sind wir da. Im erweiterten Blumenghetto Hessens. Autobahnfahren macht nach den ersten 36km ja auch keinen Spaß mehr. Dr. Schmotzen beschloss zu schlafen, Monsieur LeGimpsi tat das auch, allerdings mit geöffneten Augen. Ab und zu stellte er Fragen. Ist Wasser immer nass, zum Beispiel. Wir haben die letzten zwanzigtausend Meter die besten Hits von Radio Hit Antenne gehört und zu Elton John und Phil Collins gesungen.
Nun liegen wir im Bett und schauen eine Dauerwerbesendung über einen bauchmuskeltrainierenden Gürtel. Wenn man zu Hause nur Öffentlich Rechtliches empfängt, ist das ziemlich komisch. Im Sinne von merkwürdig, nicht lustig.

Mein

lyrisches Ich distanziert sich von seinem Autor. Außerdem möchte es sein Pfefferspray zurück.

Was ist eigentlich im Herbst los

so spinnenmäßig, meine ich. Eine Versammlung in der Sofadecke. Was denkt ihr euch dabei? Schaut euch eure Brüder und Schwestern an. Eure Mütter und Väter. Eure Tanten und Onkel. Eure Basen und Vettern. Eure Neffen und Nichten. Eure Zahnärzte und Floristen. Alle. sind. sie. im. Staubsaugerschlund. gelandet.

Eine Liebesgeschichte – Der Beginn

Niemals in meinem Leben wollte ich etwas so sehr wie Monsieur LeGimpsi. Dies ist eine Liebesgeschichte. Sie beginnt mit meiner Suche.
Viel habe ich gesucht und lange. Gefragt habe ich mich, wie das denn gehe, zwei Menschen, die sich beide gleichermaßen mögen. Und dann noch zur gleichen Zeit. Ob es das überhaupt gibt. Geprüft habe ich viel und lange. Aber es hat nie gepasst. Entweder ich wollte und wurde nicht gewollt oder ich wollte nicht und wurde gewollt. Kompromisse sind nicht meins. Ich habe eine Reise gemacht. Nach Amerika. Als ich wieder zurück kam, wusste ich, hier bleibe ich nicht. Ich ziehe lieber weg. In den Norden, vielleicht in den hohen. Mein Studium ging zu Ende und ich fing an, in die Städte zu fahren und dort nach Arbeit zu suchen. Ich hatte meine Suche verlagert. Von Menschen auf Städte.
Dann traf ich Monsieur LeGimpsi. Es war mein letzes Semester. Ich bemerkte ihn sehr bald. Das wurde mir klar, weil er für mich vierdimensional war.
Einmal fand ich jemanden gut. Das merkte ich daran, dass ich ihn immer in Zeitlupe und mit indianischen Klängen umgeben sah. Bei einem anderen konnte ich nie hören, wenn er zu mir sprach, sondern beobachtete nur die Lippenbewegungen.
Monsieur LeGimpsi war vierdimensional. Aber ich wusste nicht viel damit anzufangen. Ich zog mich bürogerecht an und fuhr in Städte. Dann sprachen wir das erste Mal miteinander. Wir trafen uns zufällig auf einer Bank und flossen. Hin und her und um uns herum und ich glaube, eigentlich haben wir nichts gesagt. Von da an trafen wir uns häufig. Meistens auf Parties. Ich begann, wieder zu feiern. Ich wusste, Monsieur LeGimpsi: Feiert gut. Überhaupt, er war neu an der Uni, wechselte aus dem Süden, es war unglaublich. Er muss für sehr viele Menschen vierdimensional gewesen sein. Einmal sprachen wir miteinander und ein Mädchen kam zu mir und drückte seine Zigarette an meinen Arm. Sie mochten mich nicht. Wenn ich da war, standen Monsieur LeGimpsi und ich in irgendeiner Ecke und redeten. So etwas ist nicht Feiern im üblichen Sinn. Das war allen klar. Wenn wir redeten, diskutierten wir. Oder wir stritten. Wir fingen sofort an. Es ging um Talente und die Verantwortung für sie. Oder um gesellschaftliches. Bildungs- und Sozialpolitik. So in der Art. Literatur war auch dabei. Es fügte sich ganz automatisch. Wir kreisten umeinander und versuchten, dem anderen niemals Recht zu geben. Weil es auf Parties sehr laut ist, standen wir uns nah. Ziemlich schnell war mir klar, dass ich Monsieur LeGimpsi wollte.

in Fortsetzung

Ein Tag in Berlin

Am Wochenende werden wir bei Dr. Schmotzens Großeltern sein. Die wohnen in der Nähe von Frankfurt. Weil sie beide Geburtstag hatten und weil wir uns gleich für mehrere Nächte einquartieren, bringen wir Geschenke mit. Zum Beispiel die DVD 24h Berlin. Das ist eine 1440minütige Dokumentation des 5. Septembers 2008. 80 Drehteams haben sich unter der Gesamtleitung von Volker Heise damals auf den Weg gemacht und alle Ecken und Enden der Hauptstadt abgelichtet. Alltag wird da in sich verschwurbelt und zu erbaulichen Geschichten gewebt. Paare heiraten, Menschen sterben und werden geboren, Drogenabhängige organisieren Geld, Freunde streiten, Vernissagen werden eröffnet, Immobilien verkauft, Telefonate geführt, Teller gewaschen, Musik gemacht, Fluglinien eingeweiht, Gebete gesprochen, Brote gebacken, Prüfungen bestanden, Kommerz wird bedient und ihm wird abgeschworen, und am Ende des Tages hat ein Kai Diekmann es wieder einmal geschafft, den Aufmacher für den nächsten Tag zu inszenieren. Bislang wurde das Projekt zweimal in Echtzeit im Öffentlich Rechtlichen ausgestrahlt. Sehr zu meinem Vergnügen. Ich bin allerdings gespannt, ob dieses Vergnügen auch als DVD funktioniert, wenn die Zeit nicht mehr so echt ist und die Pausentaste ruft.

schwere Last

Es hat geregnet. Dr. Schmotzen spielt im Sandkasten. Mit dem Eimer geht sie zur Pfütze. Sie braucht Wasser und Sand für die bestmögliche Kuchenteigkonsistenz. Sie schleppt das schwere Ding zurück. u_err, u_err murmelt sie dabei erschöpft. Manchmal erinnert sie mich an einen alten Mann.

Seite 124

Ich lese sehr langsam. Das weiß ich, weil Monsieur LeGimpsi immer schon ein neues Buch kauft, wenn ich bei meinem erst auf Seite 124 bin. Oder wir lesen zusammen einen Zeitungsartikel im Bett und Monsieur LeGimpsi blättert schon weiter und ich stecke noch im ersten Absatz. Wenn ich einen Zeitungsartikel lese, muss ich währenddessen häufig den Namen des Journalisten kontrollieren. Oft sehe ich Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Schreibweise. Das finde ich soziologisch interessant. Bei Büchern lese ich einzelne Abschnitte mehrmals. Weil sie wahr sind. Weil sie komplex sind. Weil so gute Worte sie beschreiben, dass ich nie wieder etwas anderes zu lesen brauche. Manchmal muss ich vorblättern, um Dinge auf der Stelle zu erfahren. Ich finde das nicht problematisch. Ich mag die Idee des mündigen Lesers. Es gibt literarische Verfahren, die vorausdeuten. Wenn der Autor sowas macht, darf ich das auch. Monsieur LeGimspi hält sich strikt an den Spannungsbogen. Er mag keine Vorschau. Wenn wir eine DVD ausleihen, verbietet er mir, das Cover anzuschauen. Es könnte wichtige Informationen zur Handlung enthalten. Das würde meinen naiven Blick enttrüben. Monsieur LeGimpsi gibt sich hin. Das finde ich in mancher Hinsicht großartig. Ich hätte nicht übel Lust, eine Geisterbahn für ihn zu bauen. Eine langsame.