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schon wieder erster erster

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Mein lieber Herr Gesangsverein, war das mal ein Jahr. Altes Kind zog in die Schule ein, neues Kind zog in unser Leben ein. Beides innerhalb von vierzehn Tagen und mitten im Sommer.
Davor und danach gings ein wenig ruhiger zu. Davor wegen dreimonatiger Resturlaubszeit mit angekoppeltem Mutterschutz. So viel Zeit. So viel Zeit nur für mich, der Mann steckte im Büro, das Kind kostete die letzten Kindergartenmonate aus und wollte ausdrücklich immer erst zum Erzieherinnenfeierabend abgeholt werden. Sowas wirds nicht wieder geben, ich ganz allein mit so viel Zeit. Das war schön. Ein bisschen wie die letzte Tanke vor der Autobahn.
IMG_3500 Danach, also von August bis jetzt, findet der neue, anders entschleunigte Alltag mit Säugling an Bord statt. Wobei Entschleunigung bei meinem sonst auch sehr gemütlichen Tempo quasi Stillstand bedeutet. Aber ein guter! Alles sehr reizarm hier. Aber gut! Ich empfehle das sehr. Es gibt aber dennoch viel zu gucken. Ich verbringe meine Zeit momentan eigentlich ausschließlich damit, zu schauen, was meine Töchter so machen.

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Dr. Schmotzen alphabetisiert sich rasant, lernt das Notensystem und wendet es täglich stundenlang auf dem Klavier an, sie zeichnet wie eine Irre und ist eine Lehrmeisterin in Kalaha. Wir geraten an manchen Tagen ziemlich ordentlich aneinander, das knallt dann ganz schön. Man merkt, es knirscht in ihrem Oberstübchen vor lauter paralleler Entwicklungen, da brauchts zwischendurch einen Blitzableiter. Vielleicht gehts wieder besser, wenn ich nicht mehr so genau hinschaue. Irgendwie hab ich das Gefühl, diesem großen Kind täte ne erwerbsarbeitende Mutter, die mehr mit anderem Kram beschäftigt ist, ziemlich gut.

Das Baby wird weißblond, ist Linkshänderin wie wir alle und interessiert sich zu meiner großen Freude für Lebensmittel. Das ist ne Kandidatin für mehr Variabilität im Speiseplan, das merk ich jetzt schon. Es mag Kuscheltiere, kichert viel rum, erzählt narrativ fragwürdige Babygeschichten und verehrt Dr. Schmotzen mit heißem Herzen. Es flattert vor Freude fast davon, wenn die Schwester in sein Blickfeld gerät. Und Dr. Schmotzen mag das Baby ebenfalls sehr, sehr gern. Mit so viel Geschwisterliebe hätte ich nicht gerechnet.

Und sonst so? Was macht der Plan für zweitausendfünfzehn?
> wieder vollumfänglich ich werden: Das schrieb ich im Januar aus meiner Matratzengruftsituation heraus, in die mich die verschissenen Schwangerschaftshormone gebracht hatten. Hat gut geklappt, kurze Zeit später war ich wieder einigermaßen lebenstauglich und konnte ins Büro. In den drei Monaten bis zur Resturlaubs- und Mutterschutzpause habe ich morgens auf dem Weg dahin zwar jedes Mal im Auto gekotzt (meine strategischen Punkte dafür: auf dem Burgerladenparkplatz, auf dem Kindergartenparkplatz, auf dem Feldweg zum Weihnachtsbaumbauern, an der roten Ampel, an dem einen Autobahnrastplatz, an dem anderen Autobahnrastplatz, in einer ruhigen Siedlungsstraße, auf dem Büroparkplatz, auf der Bürotoilette) aber nach dem Frühstücksbrötchen, spätestens nach dem Mittagessen gings echt gut (Notiz an mich, falls es ein nächstes Mal geben sollte: Es geht vorbei, auch wenn es sich lange, lange Zeit nicht danach anfühlen wird. Und am Ende gibts den ultimativen Hauptpreis, für den lohnt sich alles. Bis dahin: durchhalten).
> dem neuen Kind einen guten Start bereiten: Ja, das kann ich. Als Mutter bin ich vermutlich nie so vollkommen sicher und grundsätzlich gelassen, wie im ersten Jahr. Das ist irgendwie voll mein Ding. Eigentlich komisch, ich brauch ja normalerweise immer viel Zeit für mich und bin so gern allein. Rund um die Uhr an einen anderen Menschen geklettet zu sein, der von sich aus nix auf die Reihe kriegt und trotzdem bei allem den Ton angibt, klappt im Säuglingskontext aber einwandfrei. Ich bin mit diesem Zustand sehr glücklich und vermisse nichts. Verrückt. Je älter das  Kind wird, desto mehr verschwindet diese Sicherheit und desto häufiger frage ich mich, was ich hier eigentlich mache und was da mal für ein Mensch rauskommt und ob Mutterschaft im Nachhinein irgendwie justiziabel ist, denn ich schwimme oft ziemlich rum.
> eine Baustelle dichtmachen: Ha, in meinem aktuellen Leben zu Hause merke ich die Baustelle gar nicht und was ich nicht merke, nervt nicht und was nicht nervt, wird auch nicht beackert. Blöd. Dabei wissen wir doch alle, was mit Baustellen passiert, um die sich niemand kümmert.
> Raclettemaschine benutzen: Bin ich bescheuert, warum hab ich die bestellt? Die liegt seit einem Jahr OVP hier rum und interessiert mich null. Darum wird sie in Kürze verschenkt. Mit der will ich nix mehr zu tun haben.

Zweitausendsechzehn:
> Früher, ungefähr seit meiner Einschulung bis vor ein paar Jahren, habe ich vorm Einschlafen gelesen. Jeden Abend, das ging gar nicht anders. Sonst hätte ich nicht schlafen können. Da will ich wieder hin, das war schön. Weil ich mit zwei lichtsensiblen Menschen das Bett teile, habe ich mir extra ne Leselampe besorgt, die man ans Buch klemmen kann. Seither lese ich jeden Abend mindestens zwanzig Seiten und freu mich den ganzen Tag über schon drauf. Genau so solls bleiben.
> Malte Welding hat im Gespräch mit Holger Klein gesagt, dass sein Denkapparat ihm neurosenbedingt jeden Tag seine Sterblichkeit bewusst mache. Und die seiner Familie. Bei mir ist das ähnlich. Seitdem mein Vater bei schönstem Sonnenschein einfach mal tot umgefallen ist, denke ich täglich daran, dass es jedem von uns genau so gehen kann und es geradezu verwunderlich ist, dass es nicht viel häufiger passiert. Und die Tatsache, dass ich Kinder habe, macht die Vorstellung nicht angenehmer. Grundsätzlich kann das Bewusstsein über die eigene Sterblichkeit ja die Lebensqualität erhöhen und sinnstiftend sein, aber bei mir nähert sie sich manchmal einer fatalistischen Aluhutnähe. Keine Ahnung, wie ich es anstellen könnte, da mal wieder runterzukommen.
> Ich muss morgens besser aufstehen können. Das geht jetzt schon seit einunddreißig Jahren so, dass ich beim Aufwachen entsetzt bin, dass die Nacht schon vorbei ist und dem Schlafgott anbiete, ihm direkt zweihundert Euro zu überweisen, wenn er den Zeiger auf vier Uhr zurückstellt. Ich gehe rumdämmernd die Termine des Tages durch und sage erstmal innerlich alle ab, egal was anliegt. Im Büro hatten wir mal einen Praktikanten, der sich krankgemeldet hat, weil das Tageslicht ihn so blendete. Wir haben sehr gelacht. Jeden Morgen aber kann ich den total gut verstehen! Das ist wirklich ein ernsthafter Grund, liegen zu bleiben. Naja, jedenfalls hätte ich gern mehr Schwung und fürchte, der stellt sich von allein nicht ein, da muss man irgendwie mit Gewalt ran.

Monsieur LeGimpsi, der Streber, macht jetzt Quartalsvorsätze mit Tortendiagramm und Reportingfunktion. Phhh. Ich unterstütze sowas nicht. Dem würd ich ja gern mal sein Ich von vor neun Jahren vorstellen. Das würde vermutlich direkt einpacken. Am Ende gibt es mir noch die ganze Schuld an dieser traurigen Entwicklung und vielleicht hat es damit recht. Ich habe im Laufe unserer Ehejahre (bestes Wort, viel zu selten verwendet) ein datengetriebenes Verwaltungsmonster erschaffen.

Jedenfalls freu ich mich aufs Jahr, das wollt ich noch sagen. Es wird mild, glaub ich.

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    • Hör mir mal schön auf, mit diesem zahlengetriebenen Kack, du. Hier gibts sowas nicht. Effizienz übrigens auch nicht.

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  1. Wenn Du einen Weg gefunden hast, von diesem Sterblichkeitsgedankenfimmel wieder runterzukommen: Sag bitte bescheid. Das würde mich auch sehr interessieren. Himmel, wieder eine von diesen Sachen, die einem vor dem Kinderkriegen keiner erzählt.

    Und was Monsieur LeGimpsis Quartalsvorsätze angeht: Da war ich auch kurz versucht, bei ihm zu kommentieren, dass man ihm seinen Projektleitungsborterwerb schon anmerkt. Hab ich dann aber doch nicht gemacht, ist ja nicht nett. Aber hier kann ich das machen. Ausserdem hast Du ja auch ein Auge auf ihn, dass das nicht zu schlimm wird, nech?

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    • Ja, das ist wirklich so ne Sache. Diese Dünnhäutigkeit* und dass man so grundlegend und ultimativ verletzbar wird.
      *Es gibt z.B. Filme, die kann ich einfach nicht mehr schauen. Ach, da haben wir ja auch schon mal drüber gesprochen, The Road und so.

      Ja, ich geb mein bestes, dass der nicht zu sehr abdriftet. Wobei, erst heute Abend hat er ne neue Liste angelegt und Pläne. Und wollte meine Unterstützung dabei. Hab ich natürlich verweigert. Wir sind ja schließlich zum Spaß hier.

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  2. Pingback: Links von Peng - Parole Peng

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