Alle Artikel des Monats: April 2014

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Wäre gern dabei gewesen

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als das Kind heute beim Mittagessen im Kindergarten verkündete, dass die Blutuntersuchung ergeben habe, es dürfe aufgrund Todesgefahr fortan kein Eiklar, Weizenmehl und keine Kuhmilch mehr zu sich nehmen und die Erzieherinnen in großes Geflatter ausbrachen und hektisch den halb leergegessenen Teller mit Senf-Bechamelsauce auf Ei wegzogen. Nachtisch wurde vorsichtshalber auch gestrichen, es gab Quarkspeise. Manchmal sollte man Fünfjährigen mit Hang zur Dramatik nicht glauben. Wobei ich umsichtiges Verhalten und ernstgenommene Kindesaussagen natürlich jederzeit begrüße.
Ein striktes Verbot gegen diese drei Grundnahrungsmittel besteht bislang noch nicht, ebenso wenig wie eindeutig kausale Symptome, die Blutwerte zeigen aber eine Sensibilisierung an. Wir besuchen im Juli eine Allergiesprechstunde und schauen dann, wie wir kulinarisch gegenschlagen. Im schlimmsten Fall würde das Kind von der Mittagessensliste im Kindergarten gestrichen. Denn weizenmehl-, eiklar- und kuhmilchfrei kochen, dat läuft bei Frau Mayer nicht, die steht dort in der Küche.
Das wär wirklich ärgerlich, denn das Kind liebt Frau Mayers Gerichte. Bei Frau Mayer schmeckt sogar Gemüse immer essbar. Und das Kind liebt die Esskultur einer Gruppe. Wenn sich alle um einen Tisch versammeln und die Teller verteilt werden und Gabeln und Messer. Dann der Essenswagen reingeschoben wird und die dampfenden Töpfe auf die Tische gehoben werden. Und sie einer nach dem anderen auf ihre Teller schaufeln. Und dann essen und kleckern, vor allem, wenn Frau Peterli auf ihre Bluse kleckert, und die Kinder rufen, Frau Peterli, Du hast gekleckert, und Frau Peterli schimpft und springt auf, das ist großartig. Und dann gibts Nachschlag und danach nochmal, wer mag. Und gebetet wird, glaub ich, auch noch zwischendurch. Da schmeckts gleich viel besser, wenn alle das gleiche kauen und schlucken, da klappt Tomate probieren viel leichter.

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Dr. Schmotzen liegt im Wohnzimmer rum

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und schaut eine Ewigkeit aus dem Fenster in den Garten. Sie träumt mit offenen Augen.
»Dr. Schmotzen, denkst Du an was Schönes?«
»Ja! Soll ich sagen?«
»Wenn Du magst, gern.«
»Ich hab mir überlegt, ich könnte zaubern.«
»Das wär cool, was? Was würdest Du denn zaubern?«
»Dass Du eine Hexe wärst. Eine richtig böse. Und ich wär eine Prinzessin und Papa wär mein Prinz.«
Elektra, willkommen bei uns zu Hause.

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Deine blauen Hände

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Ich hab von Dir geträumt. Es war so ein Traum, bei dem man vom Weckerklingeln aufwacht, wieder einschläft und die Bilder nahtlos weiterlaufen. Immer wieder, bis man es nicht mehr aushält oder bis es Zeit ist, aufzustehen.
Wir hatten Dich in einen Raum gelegt, auf ein Bett. Weil wir Dich nicht begraben wollten. Wir wussten, wir sollten Dich besser begraben, aber dann hätten wir Dich nicht mehr sehen können. Wir sind jeden Tag zu Dir gekommen und haben Dich angeschaut. Und jeden Tag sahst Du weniger aus wie Du und mehr wie tot. Trotzdem wollten wir Dich paretooptimal lange nicht beerdigen. Auch wenn wir ahnten, das ist gegen Deine Würde. Und dann, da warst Du schon bestimmt fast zwei Wochen gestorben, sahst Du wirklich schlecht aus. Deine Hände waren dunkelblau und das war der letzte Beweis, dass Du mausetot warst und in die Erde gehörst. Wir konnten Deinen Anblick auch der Raumpflegerin nicht länger zumuten, so fürchterlich. Wir haben Dich begraben und es war sehr traurig und fühlte sich richtig an. Und als wir das verstanden hatten, saßest Du neben uns und warst nicht mehr tot und Deine Hände waren hautfarben* und da wussten wir, dass wir etwas schlimmes getan hatten, Dich zu beerdigen. Wegen des unterirdischen Sauerstoffmangels.
Du lagst schon drei Tage metertief und wir hatten nur einen Teelöffel, die ganze Erde wegzugraben. Du standest neben uns und wurdest immer weniger und einer von uns grub immer schneller und da stieß er auf Deinen Zigarrenkistensarg und Du lagst drin und hast es nicht geschafft, weil wir Dich begraben hatten und es dort unten keine Luft zum Atmen gab. Und da kam dann der Zeitpunkt, an dem ich es nicht mehr aushielt und Aufstehen die bessere Alternative war.

*Wir hatten Dich alle im Arm.