Alle Artikel des Monats: April 2013

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Karottenkuchen mit Haselnüssen und Frischkäsedings druff

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Heute machen wir einen guten Karottenkuchen.
Du brauchst dazu:
__fünf Eier
__250 g braunen Zucker
__eine Messerspitze Zimt
__Salz
__eine Vanilleschote
__250 g Karotten
__250 g gemahlene Haselnüsse
__eine Handvoll Haselnüsse
__250 g Vollkornmehl
__einen Teelöffel Backpulver
__300 g Puderzucker
__250 g Doppelrahmfrischkäse
__100 g kalte Butter

Du nimmst die Vanilleschote und schneidest sie der Länge nach auf. Da liegt sie vor Dir mit geöffnetem Brustkorb und du kratzt mit einem Messer das letzte Mark aus ihr raus. Das ist ein wenig gewaltsam und wenn man zu Anthropomorphismus neigt, baue ich hier eine Triggerwarnung ein, das Ergebnis lässt sich allerdings schmecken und wertet unseren Kuchen um mindestens vier Zentimeter auf.
Die Eier, der Zucker, der Zimt, das Salz und das Vanillemark werden gemeinsam verrührt bis sie eine einzige ziemlich dünne Masse sind.
Du zerhäckselst nun mit einem geeigneten Küchenwerkzeug die Karotten in Atomgrößen Deiner Wahl. Ich mag einen guten Biss, darum sind meine Karottenteilchen auf große Weise klein. Auch die Handvoll Haselnüsse werden zu Hackepeter. Die Karotten und alle Nüsse hebst Du unter den Teig. Nun kommen Mehl und Backpulver hinzu, die aus der bisherigen Teigsuppe etwas sehr Zähes machen. Das ist gut.
Gib alles in eine Springform und schieb sie für ungefähr fünfunddreißig Minuten in den Backofen bei hundertsiebzig °C.
Wenn der Kuchen abgekühlt ist, kommt eine Creme druff: Der Puderzucker wird gesiebt, das ist ein wenig nervig, macht hinterher aber ein besseres Ergebnis, also sei nicht so faul. Du verrührst den Frischkäse mit der Butter bei halber Geschwindigkeit Deiner Rührmaschine. Nach und nach lässt Du etwas von dem feinsten Puderzucker der Welt einrieseln. Am Ende rührst Du die drei Zutaten auf voller Turbostufe ganze fünf Minuten lang, auf dass sie sich nie wieder trennen. Mach das unbedingt!
Ab mit der Creme auf den Kuchen, ab mit dem Kuchen in Deinen Mund und dann direkt ins Herz.

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Praxis frisst Theorie. Theoretisch

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Die Frage ist: Darf Dr. Schmotzen sich das Haar schneiden?
Monsieur LeGimpsi meint, nein, denn sie ist ein vierjähriges Kind, nicht fähig, die Konsequenzen ihrer Entscheidung zu überblicken und darum vor sich selbst zu schützen.
Ich meine, ja, denn sie ist ein vierjähriges Kind, erfahrungsbasiertes Lernen wird ihre beste Schule sein, sie kann die Konsequenzen ihrer Entscheidung ruhig jetzt schon genau so spüren, wie für den Rest ihres Lebens, außerdem bluten Haare nicht und wachsen nach.
Das ist schwierig. Ich kann Monsieur LeGimpsis Punkt verstehen, dass wir sie bei Entscheidungen begleiten sollten, die sie nicht völlig überblickt. Andererseits finde ich die Erfahrung, die sie macht, wenn sie ihre Ananasfrisur im Spiegel sieht, viel tiefer, als die elterlichen Erklärungen, was optisch passiert, wenn jemand ohne Urkunde der Handwerkskammer Hand an sein Haar legt.
Im Laissez-faire steckt etwas, das ich sehr mag. Für mich bedeutet es, dass Kinder ernstgenommen werden. Ihnen die Welt als Material zu geben und damit machen zu lassen, sie gleichzeitig wahrzunehmen. Darin liegt viel Zuspruch und Wachheit. Wenn ich Dr. Schmotzen als entscheidungsfähigen Menschen sehe, gebe ich ihr neben dem ganzen unmittelbar guten Zeug wie Freiheit, Kreativität, Selbstständigkeit, die Möglichkeit, zu scheitern. Und mit einer Sache zu scheitern und sie gegen die Wand zu fahren, ist etwas äußerst wünschenswertes, dann und wann. Nach der ganzen Frustration folgt oft nämlich eine kleine Phönix-aus-der-Asche-Situation und schwupps ist eine Lösungsstrategie entwickelt und das Kind hat sich ganz allein rausgezogen. Manchmal folgt auch nur die Erkenntnis, dass man mitunter auch einfach mal Pech hat, denn so ist das Erdenleben. Wie kann das was anderes machen, als bärenstark und gesund?

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Aloha, Muskelchen!

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Bei der Bildungsbandscheibenbesitzerin erfuhr ich von den Freuden des Wohnzimmerbreitensports. Ich bin ein begeisterungsfähiger Mensch und so legte ich mir ein rotes, elastisches Gummiband und eine schwarze Turnmatte zu, schlüpfte in bequeme, anliegende Kleidung, brachte das Kind zu Bett, schloss Monsieur LeGimpsi in seinem Büro ein und erklärte den Bereich zwischen Sofa und Klavier zum Centercourt für honolulusiäische Pilateskunst. Ziemlich schnell stellte ich fest, dass die Stabilisationsübungen des Volleyballtrainings Gymnastik aus Hawaai eindeutig stechen. Das ist sehr vergnüglich, anscheinend steckt in mir doch irgendwo ein kleiner Muskel.
Seither verbringe ich die Abende auf der Matte, atme tief wie nie zuvor, spanne an, dehne herum, lasse meinen starken Arme von der netten Dame loben und inhaliere gummihaltige, polyzyklisch-aromatisch kohlenwasserstoffliche Dämpfe von Band und Unterlage. Von dem ganzen Sauerstoff und dem Gift wird mir dann gegen Ende der Stunde ziemlich übel und schwindelig, aber das ist in Ordnung, ich bin Protestantin. Dann verabschiede ich mich von der Vorturnerin, räume die Sporthalle auf, entriegele Monsieur LeGimpsis Tür, gehe in die Dusche und bin ein sehr zufriedener Mensch.

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Im Zweifel säge ich mir lieber einen Finger ab

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Seit ich das Kind auf die Welt gebracht habe, das ist mehr als vier Jahre her, sollte also ein aussagekräftige Zeitraum sein, habe ich ein Schmerzverarbeitungsproblem.
Dr. Schmotzen aus mir heraus zu bringen, war körperlich das anstrengendste und zäheste, was ich in meinem Leben getan habe. Schlimmer als Gartenarbeit. Zuerst beeindruckte mich die Klarheit des Schmerzes, der sich wie Eisen anfühlte. Da steckt jemand einen zwei Meter langen Eisenbolzen durch meinen Bauchnabel in mich rein und der ist noch nicht mal angespritzt. Ich habe überlegt, wer hat sich das ausgedacht, warum ist die Menschheit nicht nach der ersten Geburt ausgestorben, sowas mach ich nicht nochmal mit, das nächste Kind wird adoptiert oder ist ein Hund, ich brauche was Starkes, Intravenöses. Dann wurds schlimmer. Dann habe ich aufgegeben.
Jedenfalls ist es seither komisch mit mir. Schmerz, der fremdverursacht ist, macht mir nichts mehr aus. Ich kann mir beim Renovieren die halbe Hand wegmeißeln, ich merke es nicht. Ich kippe mir einen Liter kochendes Wasser über den Arm, mir ist das egal, ich spüre ein wenig Wärme, fast angenehm. Heißes Fett spritzt auf nackte Füße, ich beobachte, wie die Haut sich aufplustert. Und dann denke ich, ist doch nur Schmerz, das vergeht.
Aber selbstausgedachte Schmerzen, solche, die mein Körper von sich aus entwickelt, bringen mich um. Die machen mich fertig. Magenschleimhautreizungen, meine Todfeinde. Früher hatte ich immer eine stoische Ruhe im Umgang mit ihnen. Ich habe mich ins Bett gelegt, wie ein Weinbergschneckengehäuse eingerollt und sie solange missachtet, bis sie gegangen waren. Ich war vollkommen geduldig. Ich habe keine Medizin genommen. Ich wollte sie ganz allein regieren, denn sie ergeben sich am Ende immer, sie sind dümmer als ich, da war ich mir relativ sicher.
Seit der Geburt ist das anders. Ich habe Angst vor ihnen. Die Kontrolle habe ich über sie verloren, sie kommen mich ja äußerst selten besuchen, vielleicht einmal im Jahr rennen sie mir Türen ein und dann bin ich sofort nervös und lasse sie einziehen und füttere sie mit meiner Ängstlichkeit, schaue immerzu, ob sie noch da sind und sie sich wohlfühlen. Ich überlasse ihnen das weite Feld und habe nichts entgegenzusetzen. Und sie bleiben dann etwas länger und werden von mir bekommuniziert, kann ich euch das bringen, braucht ihr dies, ist es recht bequem so. Dabei werde ich lauter und lauter, am Ende schreie ich sie an, ich kreische sie an. Immer engere Kreise ziehe ich um sie und den Rücken drehe ich ihnen nicht mehr zu. Dann kippe ich ein rezeptpflichtiges Ding in mich rein und der Schmerz zieht sich zu einer Kugel zusammen und dehnt sich sofort in alle Richtungen aus, so weit, bis er ganz lang und flach ist und immer weniger wird und dann ist er verschwunden und ich schlafe ein.
Das ist aus uns beiden geworden. Dabei endete der größte Schmerz vor vier Jahren ja mit was Gutem, mit was Schmotzigem. Ich werde ihm wahrscheinlich noch ein, zwei Mal wiederbegegnen. Einen Tag mit ihm verbringen zu müssen, nehme ich in Kauf. Jetzt kenne ich ihn ja. Vielleicht vertragen wir uns, wenn nur er und ich uns dann gegenüberstehen in einem Zustand mit viel Weißraum.
Schmerzen eben, weltlich bester Fußsohlenkleber.

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Über vergessene Schokolade

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Gelegentlich denke ich, der Kindes Hirn kann so groß nicht sein. Manchmal läuft es über und dann schaltet es auf Reset.
Von elterlich nicht beeinflussbaren Osterhasentrittbrettfahrern bekam Dr. Schmotzen nie gesehene Mengen Süßwaren, die sie zum Schluss zu suchen zu träge war. Der Moment, in dem das Versteck seiner Funktion beraubt wurde, verlor nach dem siebenundachtzigsten Mal seine Adrenalinboten. Irgendwann wurden die Stücke einfach nur noch pflichtbewusst in den Korb gelegt.
Dr. Schmotzen verteilte in der letzen Phase mehrere Schokoladeneinheiten an fremde Kinder, das ist doppelt denkwürdig, erstens schenkt sie außer Selbstgemaltem nichts, zweitens spricht sie nicht mit unbekannten Menschen.
Sie sammelte in den beiden Ostertagen drei Behälter voll Zuckermasse und durfte über die Zeit verstreut ein halbes Dutzend konsumieren. Als wir am Montagabend im Auto nach Hause fuhren, verfiel das Kind erschöpft in Schlaf. Der Henkel eines Ostersüßigkeitenträgers glitt aus der Hand und als sie erwachte, war es passiert. Sie hatte ihren unermesslichen Reichtum an Schlotzigkeit vergessen. Wusste noch, dass Ostern gewesen war, freute sich über ein Buch, das sie bekommen hatte und fragte, wann wir zu Hause seien. Sie sprach nicht vom Zucker. Spricht bis heute nicht davon. Der Monsieur und ich haben die amnestischen Objekte unbemerkt in den oberen Schrank gelegt und lassen sie jeden Tag ein wenig in unserem Bauch verschwinden. Wir waren uns sicher, der Schritt zur Objektpermanenz hätte das Kind schon vor Jahren getan, also fristgerecht irgendwie.
Auf Lebzeiten hätte sie ausgesorgt. Sie hätte niemals nur einen Groschen Taschengeld zum Kiosk tragen müssen. Sie hätte Mittagessen als Nachtisch und Schokolade als Mittagessen haben können. Sie hätte jeden Kuchen dieser Welt mit Asservaten aus ihrem Schokoladenarchiv kuvertieren können.
Liebes Kind, wenn Du hier irgendwann liest: Dieser Vorfall ist verjährt. Dein Anspruch auf rechtmäßigen Süßwarenbesitz verfiel innerhalb Haltbarkeitsdatumsfrist, wir haben eine gesundheitsamtliche Beglaubigung beim Notar hinterlegt.

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Nützliches Wissen für den Alltag: Shore rauchen

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Ganz gerade schauen der hauseigene Ressortleiter für Bewegtbild Monsieur LeGimpsi und ich seine neuste Empfehlung: Shore, Stein, Papier.
Ein Mann Ende dreißig berichtet von den letzten zwanzig Jahren seines Lebens. Die hat er  in Hannover mit einem Haufen Drogen, organisiertem Verbrechen, Strafvollzug, allein und gemeinsam mit vielen ähnlichen Vögeln verbracht. Und weil die Geschichte so gut erzählt ist, intratextuell dicht und in einer unschwachen, lakonischen Haltung, höre ich ihr zu wie einem literarischen Text und glaube vielleicht nicht, dass Autor und ich-Erzähler identisch sind, aber eigentlich ist mir das auch egal. Sieh Dir das mal an.