Alle Artikel des Monats: Januar 2013

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Originäre Texte sind antastbar, stimmts?

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An manchen freien Tagen gehe ich in den Kindergarten, schnappe mir ein paar Fünfjährige, wir bauen uns eine Kisseninsel und ich lese vor. Meistens Geschichten von Sven Nordqvist oder Helme Heine, dieses ganze neuere Zeug. Aber vor ein paar Wochen war auch Michael Ende mit dem Traumfresserchen im Bücherstapel. Mitten in der Geschichte hörte ich mich plötzlich »Neger« sagen. Einigermaßen unbeholfen stolperte ich den Satz zu Ende und war froh, dass Fabian, der immer laut und blöd ist, sich in genau dem Moment zu neuen Spitzenleistungen aufschwang, ich das Buch zur Seite legen konnte und ihn begleitend rausschmiss. Auf dem Weg zurück zur Kisseninsel überlegte ich dann, ob ich diesen Satz, dieses Wort nochmal neu formulieren, ob ich korrigieren oder besser noch einordnen sollte. Ich beließ es dabei und las die Geschichte ohne weiteren sprachlichen oder pädagogischen Vorfall zu Ende, die im übrigen bei der Hörerschaft nicht besonders gut ankam und wechselte ins zeitgenössische Fach.
Ein paar Tage später meldete der Thienemann Verlag, dass ein Buch aus seinem Programm sprachlich überarbeitet wird, um Begriffe mit etwa politisch negativer Konnotation nicht länger zu verbreiten. Es ist als behutsame Unternehmung angelegt, bei der sämtlicher literarischer Wert aller Textstellen beibehalten werden soll.
Mein kulturkonservatives Herz begann gleich, ganz flatterig zu taumeln beim Gedanken, dass heiliges originäres* Material angefasst werden sollte und ich dachte an meinen Großvater, der ein Gemälde aus vorvergangenem Jahrhundert eines langweiligen Tages mit Farbe aus seinem höchsteigenen Tuschekasten zerstörte. Dann endete meine Verwirrtheit. Letzteres entspringt Größenwahn, der Austausch einzelner Wörter rassistischer Art ist zur grundlegenden Erhaltung und Fortführung eines Werks notwendig. Spätestens als ich mir klarmachte, dass ich die Überarbeitung von Texten anderer Gattungen, Filmen oder Serien etwa, als ganz selbstverständlich betrachte, wenn sich dort ein Diskriminierungsvorwurf über die Jahre verschärft.
Und warum sollte literarischer Text auch nicht verändert werden? Das wird er doch andauernd und aus ganz anderen Gründen. Wäre originäres Material unantastbar, könnte ich nie Haruki Murakami lesen, weil niemand ihn für mich ins Deutsche übersetzen dürfte. Die Gleichberechtigung von Übersetzungen erklärt Isabel Bogdan in mehreren Artikeln übrigens sehr anschaulich. Texte leben, sie entwickeln sich, wachsen mit der Zeit und bleiben so relevant. Gerade Übersetzungen werden andauernd überarbeitet, Madame Bovari beispielsweise wurde letztes Jahr zum Entzücken des Feuilletons neu ins Deutsche gebracht und der alte Flaubert durchlebt seither seine zweite Jugend.
Lassen wir den Archiven der Staatsbibliotheken ein paar Erstausgaben der ursprünglichen Fassungen, sie sollen uns zeigen, woher wir kommen, sie können um ihres eigenen Kunstwertes willen bleiben, machmal stecken wir unsere Nase rein und forschen in ihnen herum oder gleichen uns an ihnen ab.
Reinleben und aufgehen sollen sich meine Kinder in Geschichten mit gewalt- und wertfrei konnotierter Sprache, in Geschichten, in denen ihnen nicht beim Zuhören ihr Platz in der Dichotomie Selbsthaftigkeit und Andersartigkeit zugewiesen wird.
Mein Lieblingsbeitrag zum Thema: astefanowitsch fasst in seinem Podcast die Haltung des weißen Mannes mit seiner ewigen Deutungshoheit in diesem Diskurs zusammen.

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* mit originär meine ich die allererste publizierte Fassung. Dass der Begriff weitaus differenzierter zu betrachten ist, zeigt Ben, der naturgegeben ein diversifizierteres Gehirn hat als ich.

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Auftritt der Stowis

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Als Anfang der Neunziger das letzte Mitglied meiner Familie geboren wurde, habe ich das Fernsehen kennengelernt. Meine Mutter lag mit einem Baby im Krankenhaus rum, mein Vater hielt meinen Bruder und mich mit versalzenen Backofenpommes, Vollbädern und Fußballspielen über Wasser. Und mit Fernsehen. Die ausschweifende Zeit der Verlotterung dauerte drei Tage, dann kehrte die ökologisch interessierte, konsumkritische und wassersparende Grande Dame des Haushalts zurück. Diese zweiundsiebzig Stunden reichten, um mich mit dem Sendeplatz von Hallo Spencer, Nils Holgersson und Biene Maja vertraut zu machen. Ich wusste plötzlich, jeden Wochentag gegen vierzehn Uhr verspricht sich das Zweite Deutsche Fernsehen Kindern. Und genau dort lag fortan die televisionäre Demarkationslinie, die meine säuglingsbeanspruchte Mutter uns nun immer häufiger zusprach.
Ein durch Gewohnheit erworbenes Herrschaftsgebiet hat Dr. Schmotzen für sich in der Zeit nach Weihnachten definiert und versucht es seither zu erschließen. Gekämpft wird um zuckerhaltige Nahrungsmittel. Es dauerte fast zwei Wochen, bis ihr Weihnachtsteller leergegessen war, jeden Tag durfte sie sich ein Stück nehmen. Diese Regelmäßigkeit hat zu einem Lernprozess geführt und zu psychischer Abhängigkeit. »aber ich hab heute noch dar nichts süßes dedessen! ich will was süßes!«, ist der häufigste Satz im neuen Jahr, entrüstet und fordernd. Und für genau diese Situation habe ich im Sommer Zweitausendacht, als das Kind noch namenlos in meinem Bauch schwamm, ein Buch gekauft.

Heute Abend führten wir ein langes Gespräch darüber, weshalb Dinge gekaut werden, wozu man Spucke braucht, wie sie im Bauch landen und dort emsige Arbeiter die guten Teilchen aus ihnen herausziehen und über die Blutschläuche in den ganzen Körper schicken, um dort Mückenstiche zu reparieren, Knochen wachsen lassen oder den Kopf zum Lernen bringen, der ganze ausgeschlachtete Rest landet im Klo. Ich musste feststellen, dass das Kind bislang anscheinend dachte, einverleibte Nahrung falle vom Mund direkt in die Füße, wo es sich dann hochstapelt, bis man irgendwann großgewachsen ist.
Nun bestehen Möhren und Brot aus einem weitaus größeren Anteil an guten Teilchen als Schokolade und Kuchen und schlimmerweise auch Bratwurst. Darum ist es wichtig, mehr von ersteren zu essen. Das hat das Kind sofort eingesehen und verabredete sich, gleich morgen im Kindergarten ihren Apfel dabei zu beobachten, wie er durch die Adern wandert. Zur Festigung des neuen Wissens lasen wir abschließend mehrmals das Buch. Dort erledigen die Stoffwechselwichtel, die Stowis, das Nährstoffmanagement im Körper und verschönern und vergrößern das Haus, in dem sie alle in einer großen Kommune leben, mit den guten Teilchen der Nahrung. Weil das Mädchen, das die Stowis mit Nahrungsmitteln versorgt, aber unter einer Sozialphobie leidet, und diese mit miesem Zuckerwerk kompensiert, lässt sie ihre Stowis an klebrigem, unbrauchbarem Material fast zugrunde gehen. Die hedonistischen Stowis bekommen schlechte Laune und ihr Haus verfällt. Dr. Schmotzen ist von dieser Monokausalität nachhaltig beeindruckt, wenns gut läuft für die nächsten vierzehn Jahre.
Bin noch auf der Suche nach pädagogischen Büchern zu farblich fragwürdigem Kleidergeschmack und allgemeiner Abhängigkeit von Strumpfhosen, freue mich über Hinweise.

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Im Wasser

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Letzte Nacht träumte ich von Dir, mein Kind, und das hat geschmerzt.
Wir waren in einem Vergnügungspark und sind Boot gefahren. Das Wasser war flach, vielleicht knietief und wir paddelten zu unserem Themenhotel. Ich dachte noch, dass Du eigentlich eine Schwimmweste tragen müsstest, da brachte jemand das Boot in Bewegung und es kippte um. Wir alle fielen ins Wasser und ich dachte noch, dass Dich das bestimmt erschreckt hat, da merkte ich, wie bodenlos der Ozean war. Ich dachte noch, schnell, schwimm zu ihr, da sah ich Dich sinken wie ein Stein. Du bist in die Tiefe gefallen, zehn, zwanzig, sechzig Meter. Ein Fleck Hautfarbe im schwarzen Wasser. Ich dachte noch, hol sie Dir zurück, auch wenn Du es so weit vielleicht nicht schaffst, Du musst sie holen. Und ich bin Dir nachgetaucht und bin gut vorangekommen und habe Dich erreicht und Dich gepackt und Du warst schon nicht mehr wach. Ich habe Dich festgehalten und nach oben geschaut, in der Ferne das Helle gesehen. Ich habe noch gedacht, das wird knapp, ich brauche Luft. Mit den Beinen habe ich begonnen, aber der Weg hoch war viel zäher als der runter. Zwanzig Zentimeter und ich wusste, wir schaffen es nicht. Meine Lungen haben gebrannt, der Körper schmerzte, da war nichts mehr übrig, keine Kraft. Ich blieb mit Dir unten im Schwarzen und da habe ich gedacht, ich kann es nicht glauben.

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Das Buch im Kopf

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Des Kindes Liebe zu pink und alles, was sich dazugesellt, rosa und Magenta etwa, ufert ein wenig aus.
Es reicht nun nicht mehr, sich selbst in Gewänder zu hüllen, die einen vor einem Mädchenspielzeugabteilungsregal verschwinden lassen und Bilder ausschließlich in Rottönen zu produzieren, nein, neuerdings muss auch die Zeit tiefen Unbewusstseins farblich ansprechend dekoriert sein. Dr. Schmotzen schläft auf einer mit einem pinken Pullover gepolsterten Buchseite.
Nachdem wir die Abendgeschichte gelesen haben, darf sie sich im Bett noch ein wenig allein das Buch anschauen. Das ist hier das einzige pädagogische Konzept, das einwandfrei funktioniert: Koppelung von Bettfertigkeit mit Lektürebeschäftigung. Gehört zu meinen klarsten und schönsten Erinnerungen an früher, dieses abwechselnde heimlich Lesen und augenblicklich schlafend Stellen, sobald Schritte von Füßen mit hohen Schuhgrößen in Zimmernähe zu hören waren. Die Verknüpfung von Geschichten und Bettwärme und Müdigkeit und nur eine Seite noch. Bis heute kann ich am besten einschlafen, wenn ich vorher gelesen habe, wenn ich meinen ganzen Tagmüll ablegen kann und einer einzigen, perfekten Stimme zuhöre, die allein in meinem Kopf spricht. Diesen Trick wünsche ich Dr. Schmotzen auch.
Wenn sie schläfrig ist, blättert sie vor bis zur Illustration mit dem Brief und dem rosafarbenen Herzsiegel. Die wird fachmännisch mit weichem Stoff bezogen und dann das Haupte darauf gebettet. Wir lassen ihr das.
Außerdem hat im Kindergarten eine Läusekolonie das Kommando übernommen. Dr. Schmotzens Schopf ist bislang noch autonomes Gebiet.

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Rückenmurks

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Aha, das Jahr beginnt mit Rücken.
Anhaltender, bewegungseinschränkender Schmerz im Lendenwirbelbereich lässt mich windschief, ab Rumpfhöhe nach vorn geklappt durch die Gegend eiern. Liegen sticht Stehen sticht Sitzen sticht Gehen in der Aushaltbarkeitspyramide. Trage Pflaster mit Cayennepfeffer-Munition, immer an der gleichen Stelle, die oberen drei Hautschichten sind bereits weggelötet.
Seit dem ultimativen Schmerzmordor während Dr. Schmotzens Geburt bin ich eine Mimose geworden. Ich kann körperliches Leid nicht mehr gut ertragen und habe einen unermesslichen Respekt vor ihm entwickelt. Sobald er bei mir einzieht, macht mich das schwach, ungeduldig und reizbar. Eben habe ich Monsieur LeGimpsi wegen einer Bilderrahmenaufhängerösenfrage angefaucht.
Sobald das hier vorbei ist, fange ich mit Rückenturnen an, ich schwörs. Meine meterlange Hinterseite wird Aufmerksamkeit und Hinwendung bekommen, bergige Muskelträger sollen sie beschützen.
Gute Sache: Viel Zeit zum Vorlesen, das Kind profitiert.

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erster erster

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So hier, erster Jänner. Vorsätze sind ja wohl das beschissenste, was man machen kann.
Jetzt sitz ich allerdings auf dem Sofa, trinke ein Erzeugnis der neuen Kaffeehöllenmaschine, die uns zum Feste geschenkt wurde, nachdem sie jemand im Sperrmüll fand und im Werk generalüberholen ließ. Das musst Du Dir mal vorstellen! Schmeißt einer dieses Gerät weg. Und nicht nur das, ein neuwertiges Rosenthal-Service lag ja direkt daneben, hässlich wie die Nacht.
Eben bei unwirtlichstem Regenwetter zu den Pferden spaziert, dabei die Zehen erkältet. Dann mit den Silvestereskapaden anderer beschäftigt, fremde Franzosen lagen dort morgens schlafend im Wohnzimmer. Da halte ich nicht mit. Der Monsieur und ich befanden uns gestern um neun im Bett und schauten zum Jahresfinale die letzten Folgen von Mad Men. Kurz bevor Lane Pryce versuchte, sich in seinem Jaguar ums Leben zu bringen, begann hinter dem Wald eine Knallerei, die sich für das geübte Ohr vom Truppenübungsplatzgeräusch abhob und die Jahreswende anzeigte. Der Mann und ich schüttelten kurz Hände und waren dann wieder ganz bei den Herren Draper und Sterling (wobei in dieser Staffel ersterer für mich an Gutheit verlor und letzterer an ihr gewann. Hatte schon etwas patriarchalisch-verrohtes, wie er am Ende nackt vor dem bodentiefen Fenster seines Hotels stand und auf die schlafende Stadt hinunterschaute, fand ich aus feministischer Sicht wahrscheinlich schon problematisch, ästhetisch gefällts).
Monsieur LeGimpsi läuft mit einem Zollstock durch die Wohnung und misst, das Kind turnt um ihn herum und mahnt »immer abwetzeln mit den thermometermaß, papa!« und ich pflege meine Neujahrsdepression und mache gegen meinen Willen eine Liste.

Zweitausenddreizehn
> nicht kaffeesüchtig werden (wichtig, da ich gewohnheitsempfängliche Seele gefährdet bin, was das Übernehmen von neuen Ordnungen angeht. Die Versuchung ist kein Freund von mir)
> Facebook verlassen (mittlerweile unerträglicher Zeitfresserort geworden, allerdings auch Kommunikationsplattform mit fünf Menschen, die so leicht nicht austauschbar ist)
> unbefristeten Arbeitsvertrag abstauben (diese Aussicht fühlt sich für mich nach lauter befristeten Verträgen wie eine Verbeamtung an. Gleich im Januar entscheidet sich, wie und ob ich ab Mai arbeite)
> The Wire schauen (finde so recht keinen Einstieg, glaube an die umfassende Reichhaltigkeit der Serie, finde so recht keinen Einstieg)
> ein bis zwei bislang geheime Sachen machen (die eine muss ich, die andere will ich, wobei ich erstere auch will, aber eher muss, innerlich, und außerdem fürchte ich mich vor ihr, und dann wieder kann sie den größten Spaß ever bringen. Hallo Neurosenbeet, frohes neues Jahr!)

Ich glaube, für unsere kleine Familie wird es ein gutes Jahr. Wir sind fleißige Mucklas und wenn uns das Glück nicht abhanden kommt, wird die Zeit uns ein recht großes Stück weiterbringen. Hare Krishna!