Alle Artikel des Monats: August 2012

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Heiraten

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Vor drei Jahren haben Monsieur LeGimpsi und ich geheiratet. Wir trugen Jeans, Chucks, ein Strickkleid von der Stange und unterschiedliche Ringe. Er hat sich einen breiten, eckigen Silberring ausgesucht, ich einen schmalen, runden aus Gold. Zwei Wochen nach der Hochzeit hat Dr. Schmotzen seinen Ring beim Spielen in der Matratzenritze verloren und dort liegt er noch heute. Ich schmucklose Person trage meinen Ring zu jeder Zeit und kann ihn gut leiden.
Beim Kind steht Heiraten zur Stunde hoch im Kurs. Fast jeden Tag bindet es sich im Kindergarten vor »dott und darius« auf ewig an Mara, dabei tragen beide Bräute ein Prinzessinnenoutfit.

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Sport vom Wochenende

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Seit einigen Monaten spiele ich Volleyball in einer anderen Mannschaft.
Der Altersdurchschnitt ist hoch, die allermeisten dort haben Kinder, die sind zwischen vier Monate und zwanzig Jahre alt.
Ein paar haben vor langer Zeit semiprofessionell gespielt und sind jetzt auf ziemlich gutem Niveau für Menschen in ihren Vierzigern. Auf besserem als ich beispielsweise. Dafür bin ich ja neu und lerne. Die sind alle so erfahren dort, die haben sich ein dickes stoisches Fell der Gelassenheit wachsen lassen. Wenn ich mit meinen unsauberen Annahmen um die Ecke komme, das unbeeindruckt die völlig. Runter mit dem Hintern, Arme gerade halten, und jedes einzelne Mal weisen sie mich mit der gleichen Langmut darauf hin.
Wir spielen in der Landesliga. Menschen, die mit dem organisierten Wettkampfsport nicht vertraut sind, denken, Landesliga sei die oberste Liga im deutschen Land. Ich korrigiere sie dann nicht und sage, jajaa, wir trainieren zweimal die Woche!
Beim letzten Training haben alle anderen, die neu dabei sind, und ich eine Grundausrüstung bekommen: Ich besitze nun eine Sporttasche, auf der meine Trikotnummer gedruckt ist (Nummer sechs) und in die ein dunkelblauer Kleinwagen passt, eine Volleyballhose, einen Trainingsanzug mit für Volleyballerinnen angemessener Beinlänge, ein Trikot sowie ein Einspieltrikot, das wir allein zum Warmmachen tragen werden, um dann bereit und schwitzend ins frische Spieltrikot zu schlüpfen. Das ist unfassbar fachmännisch. Ich fühle mich wie jemand, den jederzeit ein Spielerberater anruft, um die nächste Ablösesumme zu besprechen.
Am Wochenende spielten wir unser erstes Vorbereitungsturnier vor Saisonbeginn. Zwei Mehrzweckhallen steckten bis unter die Decke voll mit volleyballspielenden Menschen. Laut, hektisch, reizüberflutet, Musik mit hoher bpm-Frequenz, Bälle. Ich bin ein introvertierter Mensch und hatte nach kurzer Zeit das Gefühl, Raum und Zeit verschieben sich und ich sei in einen Spalt gefallen. Dann kam mir der Gedanke, ich könne ein plötzlich aktivierter Cylon sein. Der hielt sich ziemlich lang, ganz abgespalten bin ich dort rumgelaufen und habe eine unsaubere Annahme nach der anderen geliefert. Irgendwann stand ich dann unter der Dusche und da wars ruhig und da war ich mir dann wieder sicher, dass ich eigentlich doch kein Cylon bin. Als ich abends wieder zu Hause ankam, lag Dr. Schmotzen schon im Bett und ihr Vater saß schlafend daneben. In der obersten Liga des Landes wird schnell und hart gespielt.

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Die Korrekturen

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Ich stellte jemandem Bens Blog vor. Und erhielt ein Verzeichnis der dortigen Rechtschreib- und Grammatikmissstände, es war lang.
An den Listenschreiber:
Ich bin ein richtiger Orthografieoffizier. In Büchern ärgere ich mich sehr über Fehler, manchmal korrigiere ich mit dem Fingernagel. Wenn ich redigierte, lektorierte Texte lese, möchte ich, dass sie vollkommen redigiert und lektoriert sind. Erstens bezahle ich dafür und zweitens bedeutet formale Sorgfalt Respekt gegenüber Leser, Autor und Werk.
Aber bei Ben. Am Anfang hat mich das auch gestört. Manche Stellen sind völlig unlesbar, Satzanfänge passen nicht zu -enden, nirgendwo ein Prädikat. Aber dann habe ich gemerkt, dass diese Textzustände ein Geschenk sind. Ursprünglich und unmittelbar, sie scheinen direkt aus dem Kopf zu strömen, vielleicht besteht ein Schwagerverhältnis zur écriture automatique. Wenn ich seine Texte lese, kann ich ihm beim Denken zuschauen. Ben denkt sehr schön. Ich bin mir sicher, irgendwo lässt sich ein Grundschulzeugnis von ihm finden, in dem genau dieser Satz in runder Grundschullehrerinnenschrift geschrieben steht.
Es gibt nicht viele Menschen, die so fein, breit und tief und verknüpft über Kunst, Kultur, Literatur, Musik, Filme, Gesellschaft, Informationstechnologie und Drachen denken, das aufschreiben und andere dann daran rumlesen lassen, einfach so.
Korrekturlesen kostet Zeit und ist nicht besonders effizient, will man Inhalte transportieren. Wenn es bedeutete, von Ben Texte mit stabilerem grammatikalischen Gerüst zu bekommen, dafür weniger an der Zahl, wäre das eine große Verschwendung. Wenn das die Währung ist: Flüchtigkeit für Gehalt, dann zahlt mein Offizier sie gern. Ausnahmsweise.

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Sobanudeln in meinem Herzen

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Heute machen wir Sobanudeln mit geröstetem Sesam und Lachs, obendrauf gibts frittierten Ingwer. Damit hätten wir den Großteil der Zutaten auch erledigt.
Das Rezept ist von hier (hui, ein richtig echter hier-Link). Ich habe es auf der Suche nach Verwendungszwecken für Sobanudeln entdeckt. Sobald ich in einem Einkaufsladen auf diese Buchweizennudeln treffe, hamsterkaufe ich das verfügbare Sortiment. Es kommt selten genug vor, meistens in großen Bioläden oder Asiamärkten.
Jetzt zeig ich Dir, wie das schmackhafte Durcheinander geht.

Du brauchst:
__ 200 g Sobanudeln
__ 100 g Lachsfilet
__ eine Stange Lauch
__ ein Stück frischen Ingwer
__ 1 EL Sesam
__ 2 EL Sojasauce
__ Saft einer halben Zitrone
__ 1EL braunen Zucker
__ 2 EL Sesamöl
__ neutrales Öl
__ Salz

Du schneidest den geschälten Ingwer in kleine Streifen. In einen Topf gibst Du eine ausreichende Menge des neutralen Öls, eine Ölstandsmeldung sollte einen halben Zentimeter anzeigen. Du machst es so heiß, dass sich am Topfboden expressionistische Muster bilden. Zeit für den Ingwer. Er wird frittiert, bis eine helle Bräunung sein Antlitz verschönert. In einem Sieb lässt Du ihn Fett verlieren, das Öl wird gesammelt, Du brauchst es später für den Lachs.

Die Sesamsamen (schönes Wort) werden in mittelheißer, fettfreier Pfanne geröstet und dann beiseite gestellt. Rüttle ein wenig am Röstwerkzeug, Du möchtest alle Sesamsamenseiten (auch schön) erwischen.

Jetzt zwei Dinge gleichzeitig: Nudeln kochen und Lachs garen.
Setze einen großen Topf mit Salzwasser auf. Bei hundert Grad rein mit den Sobanudeln. Nach vier oder fünf Minuten Garzeit gesellt sich auch der Lauch hinzu, den Du vorher in kleine Lauchrollen geschnitten hast. Lauch und Sobanudeln verbringen eine heiße Minute miteinander, dann schüttest Du das Wasser ab.
Zur selben Zeit, eine Kochplatte weiter: Der Lachs wird in einem kleinen Teil des Ingwerfrittieröls gegart bis er innen noch ganz babyzart ist, dann zerbröselst du den Keks.

In einer großen Schüssel vermischst Du die Sojasauce, das Sesamöl, den Zucker mit dem Zitronensaft und gibst die Lauchnudeln hinzu.
Jetzt richtest Du was an:
Auf jeden Teller kommen Nudeln, auf die Nudeln Lachs, darüber regnet es einen Sesamsamenschauer (schön) und schließlich finden auch die Ingwerstücke ihren Spitzenplatz.

Schmeckt Dir das?

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Frau tadellos fragt sich im ersten Absatz, warum wir durch die blanken Fensterscheiben der Muttiblogs stets auf manierliche Kinder, erfüllende Ehen und frisch bestickte Gardinen, rot mit weißen Punkten, blicken.
Ich habe keine Vorhänge, aber wenn ich über Dr. Schmotzen und den Monsieur schreibe, dann nur Gutes. Das hat verschiedene Gründe. Dieses Ding, in das ich schreibe, ist kein Tagebuch. Ich schreibe nicht, um zu dokumentieren, sondern zu verdichten. Schreiben bedeutet mir was. Ich mach das hier nur wegen des Schreibens. Auch wenn Du das nicht denkst, die meisten Texte sind ja saukurz. Ich schreibe lieber als.
Dr. Schmotzen heißt in Wirklichkeit anders, Monsieur LeGimpsi vermutlich auch. Sie sind auch anders, aber das interessiert mich nicht. Bei mir im Dings sind sie so, wie ich sie mache. Und ich mache sie gutartig.
Menschen, die uns gut kennen, lesen hier mit. Menschen, die uns nicht gut kennen, lesen hier mit. Menschen, die ich nicht so gern mag, Menschen, die ich mag. Mein Chef liest wahrscheinlich manchmal mit. Fragen wir ihn vorsichtshalber. Chef? Bist Du da?
Ich kann nicht schreiben: Ich hatte letzte Nacht einen Traum, in dem ich auf einem Fest war mit viel Fröhlichkeit und Tanz und plötzlich steht ein Schiri vor mir, pfeift mir ins Gesicht und sagt: Du hast keine Erlaubnis hier zu sein, Du bist verheiratet, und ich wache auf und denke: Frak! Wenn ich das schriebe, dann erlitt Monsieur LeGimpsi eine Verunsicherung, meine Mutter würde anrufen und diese sorgenvolle Stimme haben und darum schreibe ich auch nicht, dass ich kinderlose Andere manchmal unglaublich beneide und sie anschreien möchte: Du bist voll frei! Mach was Du willst! Genieß die Stille! Ich! will! Wenn ich das schriebe, dann wäre es eine Information, an der ich mich messen lassen müsste, sensibel genug.
Und mitnichten, ich muss es ja auch nicht schreiben, denn ich bin hier nicht auf Inhalte angewiesen. Ich kann blöde Birnen-Feta-Brot-Rezepte (die sind unglaublich wohlschmeckend, hast Du sie jetzt mal probiert?) und belanglose Konversationen mit dem Kind veröffentlichen, neurotisches Verhalten von mir und informationstechnologische Befindlichkeiten des Monsieurs. Alles ein wenig verfremdet, ein wenig durch meinen Kopf gezogen, mir ist das egal, ich schreibe von mir aus Einkaufszettel. Das hier ist meins.
Grundsätzlich, und da gebe ich tadellos sehr recht, bin ich für mehr entspannte Inhalte im Muttiblogland. Die Besucherstuben können sauber bleiben, die Teufel ungezeigt, aber gern weniger klassenbestleistend. Eure Kinder müssen sich mit fünf nicht für Politik und Wissenschaft interessieren. Eure Partner können euch Briefe schreiben, die auch mal nicht rumgereicht werden. Dieser oft totalitäre und alle anderen verdrängende Blick auf das Eigene ist der Grund, warum ich Blogs von Eltern über ihr Leben in der Familie nicht mehr lese. Petition für mehr Abstraktion, mehr Reflexion im unkommerziellen selbstpublizistischen Kinder-/Ehekontext!
Und von Tolstoi: Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.

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Lange Liste

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Kaum sitzt Du das zweite Mal an einem professionellen Schreibtisch, liegt der Urlaub hinter Dir, wie ausgelutschtes Bonbonpapier. Gut, dass der September mit seinen Feiertagen naht.
Weil so gutes Wetter ist, haben die Arbeitnehmer des Deutsche Buchpreises heute Morgen um elf Uhr eine zwanzig Titel breite Longlist veröffentlicht. Ich hätte mein linkes Knie verwettet, dass Herr Leif Randt für sein prächtiges, sprachlich lupenreines CobyCounty nominiert wird, bis mir auffiel: Das Datum der Veröffentlichung liegt vor Fristbeginn des diesjährigen Preises. Da hätte er ihn also schon das letzte Mal gewinnen müssen! Hat er aber nicht! Noch nicht mal in der Longlist steckte er. Eugen Ruge mit seinem Debüt und der Marketingabteilung von Rohwolt hat ihn bekommen. Ja, gutes Buch, bestimmt eins der besten.
Dann mach ich mich mal an die Liste. Hat ja kanonischen Wert. Herrndorfs Sand steht eh auf meinem Einkaufszettel, genau wie Gutgeschriebene Verluste von Cailloux. Würde ich am liebsten gleich die erste Seite aufblättern, rein in den obersten Satz und weiter. Umstände haben jedoch dazu geführt, dass ich jetzt erstmal den zweiten Krimi meines Lebens lese. Und dann was darüber schreibe. Das wird interessant. Ob das, was Dennis Scheck über Fantasy sagt auch für den Kriminalroman gilt?

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Landleben vs. Stadtleben feat. Berlin

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Linear oder aspektorientiert? Linear:


Wir machen eine Zugreise nach Berlin. Dr. Schmotzen verbringt einen Urlaub bei bewährter Truppe. Eisenbahnfahren ist großartig! Sobald ich meinen Platz gefunden habe, was mit Monsieur LeGimpsis sorgfältigem Studieren des Wagenplans unmittelbar geschieht, bekomme ich Hunger auf Stullen. Gibt es gemütlichere Orte, als öffentliche Fernverkehrsmittel, Picknick zu betreiben, an Landschaften vorbeifliegend?


Berlin lässt uns nicht rein, habe ich die ersten Stunden das Gefühl. Wir mühen uns ab, den Weg vom Bahnhof zum Hotel zu finden, der gigantische Netzplan macht uns leicht verzagt, warten vergebens auf den Bus und sitzen schließlich mit angeknackstem Stolz in einem antiken taxifahrenden Mercedes, der uns für elf Euro zu unserer Bettstatt bringt. Allzu weit entfernt konnten wir also nicht gewesen sein. So leicht geben wir uns nicht geschlagen, die Öffis, wir sollten sie schon noch rumkriegen.


Also direkt hin zum Ort, der uns am meisten interessiert. Prenzlauer Berg. Das Gegenuniversum, der Platz für LOHAtritische Knechte und Mägde der Kreativwirtschaft, für Mütter und Väter von Friedrich, Mimi und Charlotte, die ihrer Eltern gepflegtesten und teuersten Hobbies sind. Und so beschauen wir uns diesen Berg, den wir aus der Ferne immer ein wenig im Blick haben, immer ein wenig hinschielen auf den Mikrokosmos einer elitären Referenzgruppe. Da waren wir nun und aßen Sushi (mittelmäßig), zählten Bioläden (gar nicht so viele), betrachteten Kinderspielplätze (abgerockt aber gut besucht) und bewerteten Ausrüstung (hochwertig) und Miene (normal ernst) der Eltern.
Wir leben auf dem Land und sicher wäre es schön, mehr Menschen in unserer Lebenssituation zur Verfügung zu haben, deren Jahreshöhepunkt nicht das Schützenfest ist, gefolgt von dem im Nachbardorf, aber die finden wir wohl auch in der Großstadt nebenan.


Wir sind ein wenig ernüchtert von dieser Wanderung durch das Mekka aller bildungsbürgerlichen Eltern unter Vierzig und suchen Zerstreuung im Lichtspielhaus. Dieses Jahr waren wir bestimmt schon dreimal im Kino, das ist seit Dr. Schmotzens Erdankunft anno zweitausendacht absoluter Höchstwert. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit setzen wir uns vor eine Leinwand, egal welche Stadt sich drumherum befindet. Jemand könnte uns zwei Stunden in Paris schenken, wir würden sofort ins dortige Kino gehen.
Der Batmanfilm ist so schlimm, Monsieur LeGimpsi schlief ein. Anke Gröner hat ihn umfassend besprochen, mehr kann ich dazu nicht sagen. Außer, dass mir noch nicht mal Catwoman gefallen hat, weil ich Anne Hathaway seit jeher bescheuert finde.


Am nächsten Morgen dann Frühstück in der Mokkabar. Joa, kann man machen, die Brötchen waren unterirdisch, der Milchkaffee gut. Wir saßen in der Sonne und der Tag lag vor uns.


Urban Planting, hundeausführende Männer mit üppigem Undercut und Norwegerstrickjacken, das Tempelhofer Feld brachte uns die Klischees, die Berlin schuldet.
Weit war der Blick, der Wind frei, dieser Ort gefällt mir gut. Hoffentlich bleibt er, größtenteils unbestellt und ungeformt wie er ist.


Lauf über zehntausend Metallgesichter und höre den Lärm. Daniel Libeskind, Jüdisches Museum.


Wir haben Lust auf touristisches Programm und setzen uns in den Bus einhundert. Der fährt vom Alexanderplatz zum Zoologischen Garten und nimmt unterwegs alles mit, woran die Blicke heften bleiben. Die Dinge würde eine dicke, undurchdringliche Blickschicht umgeben, wären Blicke haptisch und würden heften bleiben, vielleicht jeder so dick wie ein Abziehbild. Und irgendwo zwischen den den Blickschichten ein bekannter Blick, ein Spur für die Ewigkeit.
Im Einkaufsladen des Westens kauften wir ein Geschenk für Dr. Schmotzen. Überhaupt das Kind. Immer wieder eine Schrecksekunde, keine klebrige, kleine Hand steckt in meiner, mein Gehtempo ungewöhnlich hoch. Und dann die körperlich schmerzende Adrenalinausschüttung reitend auf dem Gedanken Du hast sie verloren, sie sitzt noch im Bus, sie steht noch am Bahnsteig, sie ist noch in der Spielzeugabteilung, Du hast sie verloren, es befinden sich eine Million Menschen zwischen Dir und ihr, sie ist weg, sie ist allein. Und dann fällt mir ein. Sie ist ja gar nicht in der Stadt. Und ich frage Monsieur LeGimpsi vorsichtshalber auch nochmal und der schaut mich mit seinem bedenklichen Blick an und sagt, nein, das Kind befindet sich nicht in der Stadt, vermutlich schaut es gerade Olympia, denn da kommt Turnen und Turnstunde mag es.


In der Graefestraße essen wir beste Burger im Room siebenundsiebzig. Das ist moralisch nicht einwandfrei und so sitzen wir auf dem Bürgersteig und während wir selbstgemachte Pommes und Cheeseburger essen, Blumen in etikettlosen Oranginaflaschen vor uns auf dem Tisch, nebenan kosmopolitische Berliner, reden in C zwei-Englisch mit ihren kosmopolitischen Freunden aus New York über Kunst, das Leben als Künstler, künstlerische Substanz und die besten Clubs in Amsterdam, San Francisco, Manhattan und London, umkurven uns mit einem Blick auf den Boden die gentrifizierten Ureinwohner, die ein paar Meter weiter ihr Protestcamp errichtet haben, weil die Miete steigt.


Ich erlebe mein erstes Jazzkonzert. Meine Güte, ist das anstrengend. Zwei Gitarren, eine Hammond Orgel, ein Schlagzeug. Immer, wenn gesungen wird, gefällt es mir, wenn nicht, drifte ich geistig ab. Der Monsieur schwebt allerdings und darum bleiben wir bis zu allerallerletzten Zugabe.
Fun fact: In Berlin fährt nachts keine Bahn. Das hätte ich nun nicht erwartet und so laufen wir beide quer durch die Stadt zurück ins Hotel. Manchmal wechseln wir die Straßenseite, weil andere unseren Weg kreuzen, einmal mache ich mein Testament, aber dann liege ich doch im Bett und es ist halb vier, der Monsieur schläft und ich schaue Kabelfernsehen, denn das gibts nicht Zuhause, nur hier in Berlin und ärgere mich über die Werbung, schalte das Gerät aus und schlafe ein.


Wir verabschieden uns für immer vom Hotel und vergessen jeder ein Aufladekabel auf dem Zimmer, was uns aber erst drei Stunden später auffällt. Frühstück beschert uns das Cafe Kapelle, sehr köstliches, sehr reichhaltiges.


Wir haben noch ein paar Stunden Zeit, der Zug wird uns erst abends zurückbringen. Monsieur LeGimpsi zieht mich ins Computerspielemuseum, endlich kann er mir die Taschenrechner seiner Kindheit und Jugend zeigen, von denen er sonst immer nur erzählt. Während er referiert und ich supergenau zuhöre, fällt mir mein Ladekabel ein und wir fahren zurück ins Hotel, wo auch seins noch liegt.


Wir verbringen die restliche Zeit auf der Museumsinsel, wo wir in Liegestühlen kleben und lesen. Denkwürdigerweise habe ich »Die Straße« von Cormac McCarthy für Berlin eingepackt. Es kann keinen größeren Kontrast geben: Die spielenden Hunderttausenden um mich herum und die zwei am Ende aller Tage vor meinen Augen. Das ist ein Text, der mich in Unruhe versetzt und tiefste Ängste anspricht. Ich lese ihn weiter, taumelnd, das Ende vorweggenommen.


Heißa, das war ein schöner Urlaub! Ich brauche zwei neue Füße und eine neue Stadt, in die ich alle Verheißungen dieser Welt projizieren kann, aber ich habs gemocht. Und ich gebe dem Stadtleben, das mich in seiner Flottheit mit voller Wucht und kurzer Leine umwickelt hat, zwei Punkte. Es steht jetzt also sechs zu drei gegen das Leben auf dem Land.


Der erste Anblick auf der Heimatbahnhof ist ein sehr schöner.

Monsieur LeGimpsi hat auf seinem Acker auf angenehme Weise und völlig kommafehlerfrei auch über diese Tage in Berlin geschrieben.
Außerdem: Liebe b., vielen Dank für Deine Tipps! Wären sie nicht gewesen, ich hätte drei Tage im Computerspielemuseum verbringen müssen.