Alle Artikel des Monats: März 2012

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Meine Hefe

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Heute Morgen wachte ich auf und musste nicht zur Arbeit.
Das ist jeden Freitag so und jeden Freitag mache ich mir eine Notiz, die mich daran erinnern soll, nie mehr als dreißig Stunden in der Woche an außerhäusigen Schreibtischen zu sitzen, egal wie prekär das Leben dann auch ist. Ein dreitägiges Wochenende fühlt sich großartigst an. Es besteht aus einem Samstag und zwei Sonntagen, wovon einer verkaufsoffen ist.
An Freitagen wache ich meistens früh auf. Mein Biorhythmus ist noch arbeitsalltäglich unterwegs. Freitags ist mir das egal, da fühle ich mich der arbeitenden Bevölkerung solidarisch und verlasse die Bettstatt einigermaßen gut gelaunt früher als ich müsste. Und dann sitzen Dr. Schmotzen, die aufgrund ihres Betriebskindergartenbeschäftigungsverhältnisses freitags auch schon Wochenende hat und das bereits an Donnerstagen allen möglichen Menschen erzählt, woraufhin sie repräsentatives Material zu Studien der deutschen Neidgesellschaft sammelt, und ich vor Scheiben Brot mit Rübenkraut und trinken Milch und überlegen, welche von den miesen Pflichtsachen gestrichen werden können. Heute waren das ziemlich viele Dinge, die wir links liegen ließen. Staubsaugen, Kloputzen, sowas.
Dafür haben wir einen umfassenden Backauftrag erledigt. Und der hieß Hefe.
Ich mag Hefeteige. Die kann ich so schön bemuttern. Erst knete ich sie bis sie nicht mehr an mir kleben, dann stelle ich sie an einen warmen Ort, zwischendurch knete ich sie wieder und irgendwann sind sie wunderbar groß und porig und elastisch und willig. Hefeteige wollen gut behandelt werden, normales Kneten reicht nicht, Du musst sie mit Hingabe und Bewusstsein kneten. Mit Hefeteigen habe ich meine Geduld und meinen Fokus trainiert. Eine spitzenmäßige Vorbereitung für das Leben mit Dr. Schmotzen. Außerdem sind Hefeteige unbeeindruckbar, wenn es darum geht, von einem zweiundzwanzig Jahre alten Elektroofen, ohne Unterhitze und mit unregulierbarer Wärmezufuhr gebacken zu werden.
Heute also haben das Kind und ich das Mittagessen ausfallen lassen und stattdessen gleich zwei Hefeteigbackwaren produziert. Es gab statt Kartoffeln mit Gemüse Zimtrollen mit Zuckerguss und Mohnzopf mit Butter.
Die Hefeteige wachsen in unseren Bäuchen weiter, unterdessen liegen wir als Referenz auf die folgenden zwei Sonntage auf dem Sofa und schauen in Bücher.

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Hmmm

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Reifen vollgepumpt, Helm aufgesetzt, Kind hintendruff, zum Einkaufsladen gefahren, Basilikum gekauft, vorne in den Fahrradkorb gelegt.
Die Welt riecht, wie Italien in meiner kognitiven Landkarte unbereister Länder gespeichert ist.

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Gras und Pommes

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Heute haben wir Dir einen neuen Rasen verpasst. Dr. Schmotzen war ein dicker Tanzbär und schoss ihren Ball über angrenzende Erdreiche. Am queren Kantstein, eine Ellenlänge hinein, roch es leicht nach Croissant.
Es gab Pommes.

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ganz ausgeruht

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»Dr. Schmotzen hast Du gut geschlafen? Du hast ja den kompletten Spaziergang verpennt.«
»nee, ich hab nicht deschlafen, ich hab mich ausderuht.«
»Achso. Hast Du beim Ausruhen denn was geträumt?«
»ja tla.«

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Machs nicht wie ich

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Wenn Du vor der Waschmaschine stehst, Dein beschmutztes Feingestricktes in der Hand, und die links innen eingenähten Beipackzettel sagen »hand wash only«, dann denke nicht: Fuck it.

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Als die Mauer fiel

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war ich fünf Jahre alt. Ich kann mich daran erinnern, dass meine Eltern Sekt tranken und es gekauften Kuchen gab. Das Ende des sozialistischen Staats der Arbeiter und Bauern ist in meiner Wahrnehmung positiv besetzt.
Am Wochenende las ich ein Buch von Maxim Leo: »Haltet euer Herz bereit. Eine ostdeutsche Familiengeschichte«. Dabei habe ich gemerkt, wie wenig ich über das Leben in der DDR weiß. Ich habe »Das Leben der anderen«, »Good Bye, Lenin!« und »Sonnenallee« gesehen. Ich trage klischeebesetztes Halbwissen mit mir herum, das sich in den letzten zweiundzwanzig Jahren angesammelt hat. Aber wie es passieren kann, dass ein Staat seine Bürger so lange Zeit einsperrt, dass es welche gibt, die sich einsperren lassen, dass es welche gibt, die die Einsperrung als notwendige Abgrenzung empfinden, darüber weiß ich nicht viel.

Maxim Leo hat ein autobiographisches Buch geschrieben. Er erzählt von seiner Kindheit und Jugend in der DDR, von den unterschiedlichen ideologischen Standpunkten seiner Eltern, er begleitet den Weg der Großelterngeneration vom Nationalsozialismus zum Sozialismus.

Die beiden Großväter spielen gegensätzliche Rollen im Zweiten Weltkrieg. Gerhard kommt aus jüdischem Bildungsbürgertum, emigriert mit seiner Familie als Kind nach Frankreich. Dort kämpft er in der kommunistischen Widerstandstandsbewegung. Nach dem Krieg geht er hochanerkannt in die DDR und arbeitet für die Zeitung Neues Deutschland.
Werner stammt aus einfachen Verhältnissen, tritt beizeiten der NSDAP bei, wird eingezogen, gerät in Gefangenschaft, zwangsarbeitet in Frankreich. Als er zurückkehrt, findet er eine Anstellung, die im sowjetischen Besatzungsgebiet liegt, und gliedert sich problemlos ein. Er ist ein guter Bürger für jedes politische System.

Gerhards Tochter Anne ist verheiratet mit der Ideologie ihres Staates. Als Journalistin für das Junge Deutschland sind ihr staatliche Zensur- und Propagandavorgaben bewusst, sie fühlt sich dennoch mit der DDR verbunden. Anne wird ein Leben lang brauchen, sich von ihr zu lösen.
Werners Sohn Wolf überlegt bereits als Junge, wie die Grenze zu überwinden sei. Er arbeitet als Retuscher und Zeichner, die Staatssicherheit ist aufmerksam.
Anne und Wolf heiraten und sind sich in allem einig, bis auf ihre Beziehung zum Staat.

Ich kenne Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, ich kenne Geschichten aus der Zeit danach. Es sind isolierte Episoden einzelner Menschen, als hätte jede Zeit ihre eigenen Zeugen. Dabei durchlaufen die Zeugen doch ganz viele Zeiten. Dabei lassen sich spätere Zeiten doch durch die Erfahrungen früherer erklären. Frank Schirrmacher hat mal gesagt, um die politische Entwicklung der sechziger, siebziger, achtziger Jahre zu verstehen, sei es wichtig, zu differenzieren, wie alt die politischen Entscheider dieser Zeiten Neunzehnhundertdreiunddreißig waren. Wie stark der Nationalsozialismus sie sozialisiert habe. Es mache einen Unterschied, ob sie acht, dreizehn oder fünfzehn waren. Wie ausgeprägt sie eigenes Denken vor dem Systemwechsel entwickeln konnten. Ich finde das sehr plausibel.
Maxim Leo hat Entwicklungen von der Weimarer Republik bis in die Neunziger Jahre beschrieben, unterschiedlich getragen von zwei Familien. Was passiert mit Menschen, die ein totalitäres System überleben, um direkt ins nächst zu wechseln?

Was ich an diesem Buch so mag, sind nicht nur die Lebensgeschichten. Auf die fahre ich eh ab. Ich mag die verschiedenen Blicke, mit denen auf das totalitäre System geschaut wird und die alle in sich schlüssig und richtig sind. Die Kippbewegungen die sich von Generation zu Generation weitertragen. Ich mag die Kraft, die in diesem einen System zuerst dafür und zum Schluss so dagegen ist. Ich habe gesehen, dass Herkunft und Sozialisation auch dann eine Rolle spielt, wenn Status keine spielen sollte. Dass scheinbare Chancengleichheit Dir nichts bringt, wenn Chancen nicht existieren.
Und ganz allgemein: wie sehr Du Produkt Deiner Umwelt bist. Wie viel Glück oder Pech Du hast, wenn der große Greifarm Empfängnis sich niedersenkt und Dich zu den einen oder anderen Eltern schiebt, die ihre Eltern huckepack tragen und an deren Rücken deren Eltern kleben.

Gerhard hat übrigens auch ein Buch geschrieben: »Frühzug nach Toulouse: Ein Deutscher in der französichen Résistance 1942-1944«, BS-Verlag-Rostock, 2006.

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Hundert Stifte

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Ich hatte eine filzstiftfreie Kindheit. Das Malwerkzeug meiner Mutter Wahl hieß Jaxon-Kreide. Filzstifte waren schlimmer als Einwegtintenpatronen (meine Mutter fragte in Apotheken nach Spritzen, reichte mir ein Tintenfass und ließ mich Tinte in eine immerwährende Patrone injizieren) und fast so schlimm wie Tintenkiller (meine Mutter kaufte mir ein Holzlineal und zeigte mir, wie man Fehler so durchstreichen kann, dass sie zu grafischem Artwork werden).
Gestern habe ich mir in einem Discounter einhundert verschiedenfarbige Filzstifte gekauft. Dr. Schmotzen darf nicht mit ihnen malen.

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Nase

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Dr. Schmotzens Freund im Kindergarten heißt tatsächlich Muhammad Ali. Jetzt hat sie von ihm eins auf die Mütze bekommen.
Schmerzvolle erste Erfahrungen mit Gewalt und Abgrenzung fürs Kind, eine gute Geschichte ist es trotzdem.