Alle Artikel des Monats: März 2011

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Trinkpäckchen

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Zu Dr. Schmotzens unzähligen Spezialfähigkeiten gehört seit kurzem auch das Trinken durch einen Strohhalm. Das hat ihr Opa beigebracht, das hat sie drauf. Das ist Teil seines Trainingslagers, die Vorstufe zum Schnorcheln. Schnorcheln brauchst Du, wenn Du bei ihm schwimmen lernen möchtest. Er nimmt Dir auch inhouse die Seepferdchenprüfung ab.
Jedenfalls hole ich Dr. Schmotzen heute nach der Arbeit von Oma und Opa ab und sehe, neben ihrem Teller, dort wo sonst das Glas steht, da liegt ein Trinkpäckchen. Ein Trinkpäckchen!
Kannst Du Dir vorstellen, wie oft ich als Kind meine ökologische Bio-Mutter gefragt habe, ob ich ein Trinkpäckchen mit zur Schule nehmen darf? Ob ich wenigstens auf Klassenfahrt diese einwegverpackten Säfte haben könnte? Wenigstens für die Busfahrt? Wenigstens für die erste Rast? Und weißt Du, wie oft sie mich dann den Lebenszyklus von Kunststoff gelehrt hat, der niemals endet, der einfach nicht stirbt, so, dass in absehbarer Zeit die Wälder voller Plastik wären und die Meere voller Tragetaschen vom Obst- und Gemüsestand. Die haben wir nämlich auch nie genommen. Stattdessen immer verachtend die anderen beobachtet, wie sie für jede Obstsorte, für einzelne Äpfel mitunter eigene Tüten von der Rolle rissen. Unser Einkauf kullerte an der Kasse munter über das Fließband. Pilze vereinigten sich mit Tomaten, Erbeeren tanzten mit Radieschen. Die Kassiererin sortierte emsig und die anderen beobachteten uns verachtend. Das hat mich hart gemacht.
Und bei der Rast, im Bus, auf Klassenfahrt und in allen großen und kleinen Pausen meines Schullebens habe ich aus der gleichen Glasflasche in gefüttertem Stoffbeutel nach Spülmittel schmeckendes, kohlensäurearmes Wasser getrunken. Und ich wollte mich an Dr. Schmotzen und ihren Brüdern und Schwestern dafür rächen. Wie soll ich das machen, wenn sie Trinkpäckchen bekommen, noch bevor sie den eigenen Bedarf daran entdecken?
Weißt Du, wie sich meine Mutter eben verteidigte, als ich sie darauf ansprach? Sie meinte, sie hätte den bösen Saft vorher natürlich ausgeschüttet und frischgepressten reingefüllt.

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Wir Krieger der Süße

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Das Büro ist ein mystischer Ort.
Kurz nach Sonnenaufgang gegen neun Uhr bilden sich in stiller Absprache Such- und Spähtrupps und strömen aus, das Gebäude nach Geburtstagskindern und Ausständlern zu durchforsten. Dabei sind ihnen die Zielpersonen einerlei, sie haben es allein auf den nahrhaften Kollateraleffekt abgesehen.
Die Krieger suchen in zivil und gehen systematisch vor. Niemals würde ein einzelner mehr als einen strategischen Punkt pro Rundgang observieren. Stoßen sie auf das Target, wird eine Probe in unauffälliger Menge davongetragen und im Lager gemeinschaftlich analysiert. Handelt es sich um Material der Güteklasse I, II oder III (Die Güteklassen ergeben sich naturgemäß aus der Qualitäts-Quantitäts-Korrelation)? Demokratisch wird entschieden, ob der Beutefeldzug in weiteren riskanten Manövern ausgebaut werden soll. Ist der Bescheid positiv und der Schatz endlich sicher diesseits der Burgmauern, beginnt das Fest. Schokoriegeltürme stapeln sich zum Himmel, Gummibären gründen bunte Kommunen, Schokoküsse fliegen durch die Luft, Kaubonbons schießen auf orale Torwände, sich auswickelndes Cellophanpapier macht die Musik.
Und über alldem thront und wacht die Schamanenkollegin und Onlinefreundin und schwenkt gütig den Zauberstab über ihre emsige, kauende Gefolgschaft. Einzig ihr ist sie treu. Ihr und dem Zucker. Jeden Morgen verteilt sie glücksbringenden Segen in alle Ecken des Nirvanas: Glück! Glück! Glück! Glück!
Auf dass die Schlacht niemals ende.

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Der illustrierte Tag VI

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Wir wachen auf um halb zehn auf einer Scholle außerhalb der Gesellschaft. Der Zeitgott ist an uns vorbeigeschritten und wir hinken hinterher. Als wir die Uhr schließlich doch umgestellt, uns eingegliedert und gefrühstückt haben, kommt auch schon die Sendung mit der Maus.


Socken sind überflüssig. Und nackte Winterfüße von Häßlichkeit gezeichnet. Zwei Sorten Nagellack richten die Optik, auch Hornhaut und alle Arten Wucherungen lassen sich so effektiv kosmetisieren.
Dr. Schmotzen als Freundin bunter Fingernägel entdeckt nun auch an ihren fuuussis völlig neue Gestaltungsflächen. Nein, da wollen wir mal nicht mehr Aufmerksamkeit als nötig auf diese kurzen, krummen Dinger lenken.


Dr. Schmotzen übernimmt das Kochen und serviert premium Steinsuppe an Baumrinde verziert mit Gänseblümchen.


Der zweite Gang ist zweite Wahl: Zwiebelkuchen von gestern.


Dr. Schmotzen plant eine Schlafparty im Kinderwagen, ich höre Podcast Folge eins von 1337-Kultur. Die heißt Labsal Weltliteratur und beschäftigt sich mit Belletristik, die kanonisch gekannt aber nicht gelesen wird. Da fühle ich mich direkt angesprochen. Im Gesamtwerk von Thomas Mann bin ich über den ersten Satz der Buddenbrooks, der immerhin bis Seite 2 dauert, nicht hinaus gelangt.
Wenn Deine Primärhandlung im Besänftigen der übermüdeten Tochter besteht, Du also nicht mehr als eine weiche Kopplung für Medienkonsum zur Verfügung hast, ist dieser Podcast ziemlich geeignet. In rascher Abfolge behandelt er überschätzte oder überfordernde Titel der Weltliteratur, ohne sich mit literaturwissenschaftlichem Anspruch zu beladen. Das plätschert angenehm. Und ist von mir ganz uns gar nicht so überheblich gemeint, wie es klingt.
Die nächsten Folgen beschäftigen sich mit dem als massentauglich vermarktbar entdeckten Genre Graphic Novel und Klassischer Musik.


Hier zwischen den Pappeln, hier würde ich gern bauen.


Pizza heute mal mit Tatort. Konstanz ermittelt, eine der Heimaten Monsieur LeGimpsis. Da verfällt er dann immer in so nostalgisch Badischen Singsang und wird ganz hysterisch, wenn er etwas wiedererkennt. Dabei hat er nur zwei Jahre dort gelebt. Awwah! Dirt, desch is des Hööööörnle! Da kannsch mir nix verzeehle, des Hööööörnle isch des.
Attraktiver Mann, dieser.

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Wie ich einmal Dr. Schmotzen auf ganzer Linie besiegte

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Dr. Schmotzen legt viel Wert auf ihr Image. Auf der Straße weiß jeder, sie ist kalt wie eine Hundeschnauze.
Routinemäßig teste ich sie und schmachte: Dr. Schmotzen, Du bist so süß.
Sie distanziert sich umgehend, empört, ihre StreetCred unantastend: nein! dotte süß, nein!!
Worauf ich entgegne: Doch, sooo sehr süß.
Sie stellt klar, rechtliche Schritte erwägend: nein! nein! dotte bööööööse! Meistens setzt sie dann ihre Sonnenbrille auf.
Heute misst ihre Körpertemperatur mehr als sonst. Das ist meine Chance. Ich sage: Dr. Schmotzen, Du bist sooo süß!
Mit ihren fieberglänzenden Augen besinnt sie sich auf bessere Zeiten, die halten sie aufrecht, kosten aber Stabilität: dotte süß, nein.
Da stoße ich mit dem Fuß die matte Tür ein wenig auf: Nein, stimmt, Du bist überhaupt nicht süß, da hast Du Recht.
Und dann gewinnt das Fieber in ihr und sie schaut und sagt: doch süß, ja? Ganz leise und resigniert und ein wenig schamvoll.
Und ich habe gewonnen. Krankheitsbedingt.

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Eine Liebesgeschichte – Teil III

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Einen Tag und eine Nacht schlief ich. So lange brauchte es, bis eine Antwort kam. Und diese Antwort war überhaupt nicht geschäftlich. Sie war ehrlich und ausführlich und eine Absage. Und wie hätte sie keine Absage sein können? Wie hätte die zurückliegende Zeit, das Ringen und Stolzieren, wie hätte diese Hypothek zweihundert Kilometer zwischen uns überstehen können, wie hätten wir dieses eitle, egomane Fundament überführt in etwas Tragendes, etwas das leuchtet?
Ich zog mich bürogerecht an, fuhr in die Städte und suchte nach Arbeit. Und einmal hatte ich sie fast gefunden. Es war in Hamburg, ich wurde geprüft und gefragt und sollte einen Ort nennen, der ich gerne wäre und ich sagte Dresden und dann sagte ich, dass ich keine Finanzkommunikation machen möchte und ich sagte Auf Wiedersehen und Danke, dass Sie mir die Fahrtkosten erstatten.
Das waren ein, zwei Monate nachdem Monsieur LeGimpsi mich abgelehnt hatte. Wir sahen uns nicht und wir hörten uns nicht und wir lasen uns nicht. Und die ganze Zeit stand er neben mir und ich auf der anderen Seite. Der Raum um uns war leer. Ich dachte, wenn wir umeinander kreisen können und klammern und stoßen, wenn das wir sind, dann werden wir. Dann müssen wir nur gut auf die Statik aufpassen, dann bauen wir eben in die Breite.
Ich hörte auf, mich bürogerecht anzuziehen und in Städten zu suchen. Ich wartete auf Mittwoch. An Mittwochen hatten wir gefeiert, in Ecken stehend gekämpft. Das wollte ich zurück. Am Mittwoch hatte ich Geburtstag.

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Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen

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Wenn ich in einer Besprechung sitze und die geballte Ladung Marketingschubkraft auf mich prallt, so dass ich die einzelnen Salven eben noch in der Luft halten kann, dann schiele ich vorbei an den Charts und Präsentationen und Studien und Panels und mein Blick fällt auf meine Schuhe und ich denke, in diesen Schuhen standest Du vor wenigen Stunden noch in einem Misthaufen.
Und dann bestätige ich die Zahlen der letzten Schulerhebung und dabei kräuseln sich die Winkel meines Mundes diebisch gegen den Uhrzeigersinn.

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Der illustrierte Tag V

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Der Tag beginnt mit Gartenarbeit. Nun ja, decaf, low fat, sugarfree Gartenarbeit: Ich schneide Ziergras. Das ist vertrocknet und hat mitunter immerhin einen Durchmesser von anderthalb Zentimetern, da brauchst Du durchaus Kraft und gutes Werkzeug. Hatte ich beides nicht zur Hand.
Wenn die Halme so treiben werden, wie ich sie abgezwirbelt habe, wachsen sie in die Horizontale. Monsieur LeGimpsi freut sich auf Jump’n’Run diesen Sommer im Garten.


Jeah, draußen essen ist drin! Wir bauen uns ein Lager aus kompostbereitem Zierstroh und kommen in Versuchung, einfach immer weiter zu essen. Im Angesicht der Sonne schmeckt alles besser.


Nach dem Mahl: sonntägliche Regeneration.


Nach der sonntäglichen Regeneration: Schaukeln mit Dr. Schmotzen. Und singen dabei. Aber nur das, was sie bestimmt, da ist sie sehr genau. Alle Leut, Januar, Februar, März, April, Immer langsam voran, Das ist hoch, Wir wandern und Hänschen Klein sind von der Zensur befreit und dürfen in beliebiger Häufigkeit vorgetragen werden.


Kaum lag der Pullover im Waschbecken, war das Wasser fort. Es marschierte in das Gewebe ein und verschanzte sich dort. Monsieur LeGimpsi musste diese klumpigen zweiunddreißig Kilo würgen und wringen, meine Hände, sie hielten nicht stand.
Liebe Camorra, vergiss Füße in Betonklötzen. Macht eine riesen Sauerei in der Herstellung und verrümpelt das Gewässer. Zieh den Todgeweihten lieber Strickklamotten an, bevor Du sie ins Wasser lässt. Denk an Angstschweiß und Umwelt und achte auf hundert Prozent Baumwolle.


Dr. Schmotzen hat mir Blumen mitgebracht. Sie war mit Oma einkaufen und bestand auf Stiefmütterchen fürs Mütterchen. Finde ich bescheuert, ist erstmal eine total häßliche Blumenmarke und dann weiß sie genau, dass mir bei Pflanzen einfach die Bindung fehlt. Vorhandene Bindung erkennst Du daran, dass Du gerne riechst an dem Gebundenen. Ich rieche mit Vorliebe an Dr. Schmotzen und an Monsieur LeGimpsi auch hin und wieder. Aber an Blumen, an denen hab ich noch nie gerochen.


Den heutigen Tatort ermittelt Charlotte Lindholm. Theo Zwanziger himself beauftragte den NDR, Homophobie im Fußballsport doch ein wenig fiktional-kriminalistisch zu beleuchten und den schwulenskeptischen bis -feindlichen Zuschauer nachdenklich bis aufgeklärt zu stimmen. Schießt der Drehbuchautor allerdings mit Sozialpathos um sich und ist der diskriminierte schwule Fußballer mit Christine Neubauer besetzt, schalte ich ab.
Immerhin mit Küssen, Charlotte Lindholm verliebt sich in Benjamin Sadler.

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Dickes Popo

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Ich komme aus der Dusche, Dr. Schmotzen steht hinter mir, tätschelt mich und sagt: ou, ou, dickes popo, mama! höhö, so ein dickes popo. dotte, kleines popo.
Kein einziges Wort werde ich ihr noch beibringen. Der Spracherwerb, er wird uns trennen.