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Tomatensalat

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In diesen Wochen sind Tomaten meine besten Freunde. Auf dem Teller und sonst auch.
Zu jeder anderen Jahreszeit hab ich sie ja bereits gern, wenn ich ne Stulle esse, sind in den allermeisten Fällen Tomaten dabei. Ne Stulle ohne Tomaten, da würd ich vermutlich vertrocknen. Eigentlich reichen mir Pfeffer und Salz, im Sommer noch Basilikum als Geschmacksverstärker.
Im Moment aber schmecken Tomaten so richtig gut, Tomatenzeit eben. Darum geb ich mir ein minifuzzibisschen mehr Mühe und mach einen Tomatensalat und der geht so:

Du brauchst
__ Tomaten, die Dir sympathisch sind. Ich mags, wenn alles durcheinander ist: große, kleine, rote, gelbe, grüne Tomaten, sie liegen mir alle gleich nah am Herzen. Für den Salat nehme ich zwei große und eine Handvoll kleine Tomaten.

Die Tomaten in Scheiben schneiden oder halbieren und auf einem großen Teller nebeneinander im rechten Winkel anordnen.

__ 1 EL Kräuteressig
__ 3 EL Sonnenblumenöl
__ 2 EL Tomatensaft
__ 1 TL Honig
__ Salz
__ Pfeffer
miteinander vermischen.

__ 1 oder 2 getrocknete Tomaten
__ 1 Knoblauchzehe
__ 1 kleine rote Zwiebel
__ 1 Handvoll Basilikum
__ 1 Handvoll Petersilie
kleinsthacken, mit dem Dressing vermischen und alles über den Tomaten verteilen. Gib ihnen zwanzig Minuten, sich aneinander zu gewöhnen und dann lass Dir dazu Baguette oder Kartoffeln oder was Gegrilltes oder Herrgott was auch immer schmecken.

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Ostsee

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Soo. Wir waren im Urlaub. Und zwar zum ersten Mal. Das Kind war völlig aus dem Häuschen von dem Konzept, dass man sich Wohnungen auf Zeit mieten kann und dort dann alles vorhanden ist. Sogar ein Bett! Sogar ein Klo! Sogar Haustürschlüssel! Und einmal lag sogar Post im Briefkasten, da ist unser Briefträger den ganzen weiten Weg nur für einen Brief gefahren.

Die Tage gestalten sich so: Vom singenden Kind geweckt werden. Ist nicht unüblich, normalerweise liegt aber ein langer Flur dazwischen. In der Ferienwohnung steht das Schlafsofa mit Tochter drin direkt neben Bett mit uns drin. Die Nacht endet, wenn das Kind singt. Frühstück, dann auf zum Strand. Strandkorb mieten, optimal zur Sonne, zum Wind, zum Meer ausrichten, reinsetzen, lesen. Krebsbeine finden, mittags Pommes holen, Möwen füttern, Pippi Langstrumpf vorlesen, Butterkekse essen, Möwen füttern, Füße einbuddeln, lesen, um den Strandkorb laufen, Fuß ins Meer halten, Strandkorb dichtmachen, durch den Park der schiefen Bäume zur Ferienwohnung gehen, Abendbrot essen, auf der Terrasse lesen, malen, in die Dusche, um acht Uhr todmüde ins Bett fallen, lesen.

Die Ferienwohnung war ziemlich klein und bestand aus einem Raum, es gab also keine Ausweichmöglichkeiten. Waren wir nicht dort, waren wir zu dritt im Strandkorb. Wir waren also immer zusammen. Die ganze Zeit. Wir entwickelten eine ganz eigene Art des Wahnsinns.  Ab dem zweiten Tag sprachen wir nur noch mit umgekehrtem Sinn miteinander.  Das war anfangs noch ganz lustig, uferte dann aber etwas aus. Ich denke, der Nutzen war kathartischer Natur. Auf Außenstehende mag das etwas irritierend gewirkt haben, kennt man aber den Code (“immer genau das Gegenteil! Das Gegenteil, Mama!”) sprachen wir in blühendsten Rosen zueinander. War aber trotzdem etwas heikel, so mitten im Café zu sitzen und auf Gegenteilisch zu reden. Das Kind löffelt friedlich Eis: “Boah, Papa, Du bist das Bekloppteste, was es gibt. Wirklich! Ich hab Dich überhaupt nicht lieb.” Monsieur LeGimpsi: “Danke, gleichfalls, völlig beklopptes Kind.”

Das war eine schöne Woche. Gerne wieder, gern nächstes Mal woanders, gern gleich eng.

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Jon, Daenerys und Ayra

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Am Wochenende ist was nicht so schönes passiert, das hat mich ein wenig aus den Socken gehauen. Also nicht so, dass ich auf freier Strecke halten musste, aber ich war schon irritiert und bins immer noch und denke einmal mehr, dass die Bindfäden, die unsere Köpfe in der Vertikalen halten, echt dünn gesponnen sind.
Jedenfalls hatte ich danach das Bedürfnis, mal so richtig zu lesen. Mich so richtig ablenken zu lassen. So richtig rein ins Buch und nicht weiter nachdenken. Keine schwere Kost, am besten mit Schwertern, Adel und nem Ehrbegriff mit geringem Durchmesser. Mit Pferden und witterungsbedingten Unannehmlichkeiten. Und da hab ich angefangen, Game of Thrones zu lesen. Und es erfüllt seinen Zweck allererste Sahne.
Vor längerer Zeit haben Monsieur LeGimpsi und ich die erste Staffel geschaut und danach sofort aufgehört, weil wir zunächst die Bücher lesen wollten. Haben wir dann aber nicht gemacht und müssen seither wie Bescheuerte in manchen Ecken des Internets von Stein zu Stein hüpfen, um uns nicht spoilern zu lassen.
Das Grundgerüst war mir bei Lektürebeginn also noch bekannt und so brauchte es ungefähr drei Minuten und zwei Blicke aus eisblauen toten Augen und ich hing am Haken. Seither freu ich mich über die kapitelweisen Erzählperspektiven, die immer die genau passende Figur in den Blick nehmen, während die Geschichte in Blitzgeschwindigkeit vorantreibt und alle möglichen Eigenheiten des Menschen Kern durchklöppelt.
Und über die dreimilliarden Seiten, die noch vor mir liegen.

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Im Zirkus

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Heute Zirkus. Memo an mich: Nie wieder Zirkus. Zumindest nicht von der kleinen* Sorte. Und nur noch ohne Tiere.
Das Zelt war winzig, sauerstoffundurchlässig und aus Kunststoff. Ich hatte das Gefühl, in einer Plastiktüte zu sitzen. Es gab keinen Notausgang und als die letzten Zuschauer ihre Plätze gefunden hatten, wurde der Eingang zulaminiert.

Jemand drückte den Knopf eines Kassettenrekorders und wir hörten ABBAs Super Trouper in einer Instrumental-Techno-Version. Dann die Ansage vom Ansager, dass wir uns von nun an im Reich der Romantik und Fantasie befänden.

Das Programm teilte sich in vier Disziplinen auf: Tiernummern, Akrobatik, Clownerie, Merchandising.

Die Tiernummern: Den vier Pferden aus Andalusien wurden die Köpfe an den Hals gebunden. Sie sahen dadurch wie Springer auf nem Schachbrett aus. Oder wie Seepferchen. Auf jeden Fall hab ich sofort gedacht, dass es bestimmt keinen Spaß macht, mit eingedrehtem Haupt in minimalem Radius und höchster Geschwindigkeit im Dreivierteltakt den Wiener Walzer für Pferde tanzen zu müssen und andauernd mit irgendwelchen Peitschen im Takt gehalten zu werden.
Oder als kleines, dickes Pony vier Männer gleichzeitig im Galopp durch die Manege zu tragen, die Turnübungen auf mir machen und mich am Schweif ziehen. Nicht so schön. Dabei sagte der Zirkusdirektor extra, dass seine Art der Tierhaltung die internationale Note eins, also sehr gut, also besser gehts nicht, also absolut lobens- und unterstützenswert erhalten habe.

Bei der Akrobatik hatte ich ziemlich Sorge. Nicht weil die Nummern so spektakulär gewesen wären, sondern wegen Talentmangels bei den Artisten. Die hatten ihre Körperbeherrschung nicht immer richtig im Griff und wirkten durchaus etwas behäbig. Dabei wurden Übungen gezeigt, die man im Sport-LK bestimmt auch mal macht. Stühle so zu stapeln, dass sie nicht zu sehr an Stabilität verlieren, ist keine besondere Kunst und dann dort drauf nen Handstand zu machen, stelle ich mir jetzt auch nicht allzu schwer vor, wenn man Handstände im Allgemeinen beherrscht.

Die Clowns. Hach ja. Publikum einzubeziehen ist ja so ne Sache. Das stresst mich total, da kann ich überhaupt nicht entspannen. Vor allem, wenns nicht charmant und transparent gemacht wird und die armen Leute also nicht genau wissen, was passiert, wenn sie in die requisitenlose Manege gezogen werden und sich vorher schon drei geweigert haben.
Ansonsten zerplatzten viele Luftballons und Popcorn flog rum. Hm.

Merchandising. Begleitend zur Hauptshow wurden zwischen den Nummern Nebenprodukte wie die Tierschau und das Pony- und Kamelreiten angekündigt. Da gab es dann extra eine Pausenunterbrechung, in der man Tickets für beide kaufen und sich auf ein Kamel setzen sollte. Wie gut, dass das Kind sich eh öfter mal auf nem Tier befindet, da war das Bedürfnis nicht allzu groß und wir blieben einfach an unserem Platz und haben geschaut.

Überhaupt das Kind. Fand natürlich alles toll, selbst die runtergeleierten Ansagen. Flatterkostümchen mit Glitzer, Kunst aufm Pferd, Schaukeln unterm Zeltdach, kleine Hunde, die auf Ziegen reiten, Clowns, die auf den Hintern fallen, Dr. Schmotzen war dermaßen drin im Land der Romantik und Fantasie. Und alle übrigen Kinder auch, glaub ich. Ach Kinder, ihr unkritischen Dinger.

* Natürlich können kleine Zirkusse bei den Programmen der Großen nicht mithalten. Die haben ja mehr Budget, mehr Artisten, größere Zelte, einfach mehr Ressourcen. Trotzdem gehts bestimmt auch klein und fein, so wie hier vielleicht.

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laufen

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Hui, was ist denn hier los? Nix ist los. Dabei passiert grad wieder so viel im Hintergrund. Der Mann hat einen neuen Job. Der arbeitet jetzt in der gleichen Kompanie wie ich. So richtige Kollegen sind wir aber nicht. Wären wir im Zeiterfassungsprogramm nicht direkt hintereinander gelistet und spränge mir das nicht täglich ins Auge, es fiele mir gar nicht weiter auf. Naja, er sitzt jetzt halt morgens auf dem Weg ins Büro neben mir im Auto, das ist neu. Aber da wird eh nicht gesprochen, also zählt es offensichtlich nicht.

Heute war ich joggen und habe gemerkt, dass ich ohne Brille und sonstige Sehhilfe völlig blind geworden bin. Es war ja irgendwie Vatertag und entsprechend viele ältere Herren fuhren ihr einziges Mal im Jahr Fahrrad. Die kamen mir als diffuse Herde in rotblauen Regenjacken entgegen, so ganz gemächlich schaukelten die übers Land. Ohne Brille waren die aber bis auf zehn Meter nur ein matschiger Fleck für mich, von dem ich nicht wusste, ob er freundlich oder feindlich gesinnt war.

Das Laufen heute hat mich überzeugt. Zwischen 2004 und 2007 lief ich ja quasi täglich. Das war schon leicht zwangsgestörtes Verhalten und am Ende nicht mehr besonders gut fürs Oberstübchen. Dann traf ich Monsieur LeGimpsi, der mich zunächst ja nicht sonderlich befürwortet hat, was mich dermaßen aufregte, dass ich laufmäßig in eine manische Phase geriet und mitunter mehrfach täglich durch Wälder, auf Asphalt, über Bäche und Autobahnbrücken lief. Dann befürwortete er mich endlich doch und damit schloss mein läuferisches Kapitel langsam und ich ließ es gern zu.
Laufen nimmt ja auch irgendwie viel Zeit in Anspruch, die sparte ich jetzt und investierte sie in küssen. Noch einmal lief ich, als Dr. Schmotzen frisch in meinem Bauch war, so in der sechsten Woche. Das ging überhaupt nicht und so blieben meine Laufschuhe für längere Zeit unberührt.

Seit das Kind auf der Welt ist, also seit 2008, laufe ich so gut wie nie. Ich habe natürlich weniger Gelegenheit dazu und an richtiger Lust mangelt es auch. Manchmal denke ich: Ach könnteste eigentlich wieder mit dem Laufen anfangen, so immer am Wochenende und dann noch mittwochs. Aber dann fällt mir ein, dass ja gerade diese Regelmäßigkeit unerwünscht ist und ich mein Hirn nicht an den Gedanken gewöhnen möchte, dass Laufen zu meinem Alltag gehört, damit sich keine Erwartungshaltung bilden kann, die bei Enttäuschung irgendwie schlechte Stimmung verbreitet und sich zu einer Verpflichtung entwickelt, die ich nicht mehr loswerde. Ach, die Neurosen.

Naja, heute jedenfalls wars gut. Mit so richtiger Laufluft, ganz klar nach nem langen Regen. Laufschuhe an, die ersten Meter gehen und dann langsam lostraben und merken, wie sich alles in Sekundenschnelle findet. So ein Körper ist schon echt eine alte Maschine: Der war sofort wieder drin im Laufen. Gleicher Rhythmus, gleiche Atmung, gleiches Gefühl, alles abgespeichert. Dazu ein Gespräch über die Kartoffel gehört (warme Kartoffeln sind Schwämme und beim Kartoffelkochen immer den Deckel druff), jede Steigung mitgenommen und am Ende ausdampfen auf der Terrasse. Völlig zufrieden und ohne Fragen, auch das ist gespeichert.

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Terézia Mora: Alle Tage

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Ein Kreis aus Lesern
Götterfunken, ich bin Teil eines Lesekreises. So richtig wie damals als ich in Nordamerika war und die feinen Damen des Ostküstenortes sich einmal im Monat gegenseitig besuchten um über ein von Oprah ausgewähltes Buch zu sprechen und es eigentlich die ganze Zeit um Wohnzimmerdekoration, kohlenhydratarme Ernährungsweisen und republikanische Betrachtungen ging. Prinzipiell ist es bei meinem Lesekreis ähnlich. Wir suchen ein Buch aus, lassen es jeder durch uns durchsickern und verlieren dann kein Wort darüber. Wir könnten räumlich auch nur höchstkompliziert zusammenkommen, ein Drittel lebt im Ausland. Wer unbedingt möchte, kann aber in sein Internetweblog schreiben, was er vom Gelesenen hält. Das reicht dann.

Welches Buch haben wir gelesen?
»Alle Tage« von Terézia Mora, 2004

Und, wir wars?
Also Spaß ist anders. Das war eine durchaus anstrengende Lektüre. Schon noch lesbar, sprachlich hat sich da nichts irgendeinem Zugriff verwehrt, aber narrativ stellenweise durchaus am Rande der Gemütlichkeit.

Nennen wir die Zeit jetzt, nennen wir den Ort hier. Beschreiben wir beides wie folgt. (S. 9)

Terézia Mora erzählt von Abel Nema, der mit Anfang zwanzig sein Land verlässt nachdem dort sein Vater, sein Freund und der Frieden gegangen sind. Er kommt auf leisen Sohlen irgendwo neu an und beginnt, Sprachen zu lernen. Zehn Stück, akzentfrei und klinisch rein. Er erhält ein Stipendium und nutzt es als Eintrittskarte in Bibliotheken, dort verbringt er seine Tage. Zum Schlafen hat ihn eine Wohngemeinschaft gefunden. Sie ist die erste Station von mehreren und alle würden ihm Gewalt antun, wenn er sie ließe. Aber er lässt sie nicht, denn er wohnt da nur und lebt da nicht. Wo lebt er eigentlich? Später wird ihn eine Gruppe Musiker, ein Schlachter und ein Barbesitzer finden und er wird mitgehen. Und am Ende ist da noch eine Frau und ein Kind, aber mit denen passts auch nicht richtig.

Und so weiter. Er wanderte wie eine Stafette von Hand zu Hand, als wäre es irgendwo so abgesprochen gewesen, gut organisiert, es war immer einer da. (S. 340)

Und wie er so mitgeht und wie die Dinge es so mit ihm treiben, ist eigentlich die ganze Geschichte.
Sie ist in kleinen Episoden aufgeteilt, die nicht chronologisch aneinanderhängen und durch deren Lücken der Wind pfeift. Zusammen hält sie der Rahmen, wie Abel halbtot kopfüber an einem Klettergerüst baumelnd gefunden und seine Ehe mit Mercedes geschieden wird. Wie er dahin gelangt, wird auf ziemlich eindrückliche Weise erzählt.

(…) wollte sie ihm ins Gesicht schauen, musste sie immer wieder scharf stellen, wie in einem fahrende Zug, mir taten schon die Augen weh (S. 327)

Der Text wirkt mit seinen vielen von Klammern gehaltenen Einschüben und Kommentaren wie ein Kippbild. Man liest einen Satz und folgt dem Erzähler, bis eine zweite Erzählinstanz dazwischengrätscht und einen Bedeutungswechsel reinrieselt, der den Sinn erweitert. Das ist manchmal nur die Erwähnung von Charakteren, denen die letzten Sätze nachträglich zugeschrieben werden: »Draußen sammelte sich eine letzte Brüllhitze, als würde der scheidende Sommer mit hochrotem Kopf noch einmal das Maul aufreißen und einen (Mercedes, das ist ihre Assoziation) heiß und verächtlich anhauchen (…)« (S.11)
Dadurch wächst eine Metaebene, die eine unmittelbare Nähe zum Text empfinden lässt, als säße man in der Schaltzentrale des Erzählers. So entsteht eine ständige Spannung, immer wieder justieren sich die Orientierungspunkte um. Man stellt vor dem inneren Auge ununterbrochen scharf. Das ist anstrengend, verlangt ständige Wachheit, zieht aber auch wie nix in den Text rein. Ich kenne diesen Effekt eigentlich nur von der Dramenform.
Und zusätzlich taucht zu allem Übel andauernd ein Ich-Erzähler auf, der sich nicht immer direkt zuordnen lässt. Ich habs irgendwann aufgegeben, Leerstellen füllen zu wollen und mich einfach mitschleifen lassen. Von da an wars gut. Es lebe der Tod des Lesers, ha.

 Aber schließlich tat er doch nur das, was er in einem anderen Maßstab schon die ganze Zeit getan hatte. Er fuhr kreuz und quer durch Land, respektive die angrenzenden, soweit er eben kam, ohne den Pass vorzeigen zu müssen.

Ich mag die Auswahl an Charakteren in diesem Buch, die sind alle ein wenig kaputt. Manche haben eine narzisstische Störung, manchen fehlt ein Auge. Ich mag auch die Geschichte, wie jemand einmal keinen Platz in der Welt gefunden hat und sich fortan für nichts mehr wirklich zur Verfügung stellt. Am besten hat mir das Erzählen gefallen, das ist wirklich gut gemacht.

Wer sonst möchte was übers Buch sagen?
B.
ben_

Und als nächstes?
Welches Buch wir als nächstes lesen, steht noch nicht fest. Wer einen Vorschlag machen möchte, fühle sich eingeladen, die Kommentarfunktion zu nutzen.

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Wäre gern dabei gewesen

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als das Kind heute beim Mittagessen im Kindergarten verkündete, dass die Blutuntersuchung ergeben habe, es dürfe aufgrund Todesgefahr fortan kein Eiklar, Weizenmehl und keine Kuhmilch mehr zu sich nehmen und die Erzieherinnen in großes Geflatter ausbrachen und hektisch den halb leergegessenen Teller mit Senf-Bechamelsauce auf Ei wegzogen. Nachtisch wurde vorsichtshalber auch gestrichen, es gab Quarkspeise. Manchmal sollte man Fünfjährigen mit Hang zur Dramatik nicht glauben. Wobei ich umsichtiges Verhalten und ernstgenommene Kindesaussagen natürlich jederzeit begrüße.
Ein striktes Verbot gegen diese drei Grundnahrungsmittel besteht bislang noch nicht, ebenso wenig wie eindeutig kausale Symptome, die Blutwerte zeigen aber eine Sensibilisierung an. Wir besuchen im Juli eine Allergiesprechstunde und schauen dann, wie wir kulinarisch gegenschlagen. Im schlimmsten Fall würde das Kind von der Mittagessensliste im Kindergarten gestrichen. Denn weizenmehl-, eiklar- und kuhmilchfrei kochen, dat läuft bei Frau Mayer nicht, die steht dort in der Küche.
Das wär wirklich ärgerlich, denn das Kind liebt Frau Mayers Gerichte. Bei Frau Mayer schmeckt sogar Gemüse immer essbar. Und das Kind liebt die Esskultur einer Gruppe. Wenn sich alle um einen Tisch versammeln und die Teller verteilt werden und Gabeln und Messer. Dann der Essenswagen reingeschoben wird und die dampfenden Töpfe auf die Tische gehoben werden. Und sie einer nach dem anderen auf ihre Teller schaufeln. Und dann essen und kleckern, vor allem, wenn Frau Peterli auf ihre Bluse kleckert, und die Kinder rufen, Frau Peterli, Du hast gekleckert, und Frau Peterli schimpft und springt auf, das ist großartig. Und dann gibts Nachschlag und danach nochmal, wer mag. Und gebetet wird, glaub ich, auch noch zwischendurch. Da schmeckts gleich viel besser, wenn alle das gleiche kauen und schlucken, da klappt Tomate probieren viel leichter.

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Dr. Schmotzen liegt im Wohnzimmer rum

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und schaut eine Ewigkeit aus dem Fenster in den Garten. Sie träumt mit offenen Augen.
»Dr. Schmotzen, denkst Du an was Schönes?«
»Ja! Soll ich sagen?«
»Wenn Du magst, gern.«
»Ich hab mir überlegt, ich könnte zaubern.«
»Das wär cool, was? Was würdest Du denn zaubern?«
»Dass Du eine Hexe wärst. Eine richtig böse. Und ich wär eine Prinzessin und Papa wär mein Prinz.«
Elektra, willkommen bei uns zu Hause.

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Deine blauen Hände

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Ich hab von Dir geträumt. Es war so ein Traum, bei dem man vom Weckerklingeln aufwacht, wieder einschläft und die Bilder nahtlos weiterlaufen. Immer wieder, bis man es nicht mehr aushält oder bis es Zeit ist, aufzustehen.
Wir hatten Dich in einen Raum gelegt, auf ein Bett. Weil wir Dich nicht begraben wollten. Wir wussten, wir sollten Dich besser begraben, aber dann hätten wir Dich nicht mehr sehen können. Wir sind jeden Tag zu Dir gekommen und haben Dich angeschaut. Und jeden Tag sahst Du weniger aus wie Du und mehr wie tot. Trotzdem wollten wir Dich paretooptimal lange nicht beerdigen. Auch wenn wir ahnten, das ist gegen Deine Würde. Und dann, da warst Du schon bestimmt fast zwei Wochen gestorben, sahst Du wirklich schlecht aus. Deine Hände waren dunkelblau und das war der letzte Beweis, dass Du mausetot warst und in die Erde gehörst. Wir konnten Deinen Anblick auch der Raumpflegerin nicht länger zumuten, so fürchterlich. Wir haben Dich begraben und es war sehr traurig und fühlte sich richtig an. Und als wir das verstanden hatten, saßest Du neben uns und warst nicht mehr tot und Deine Hände waren hautfarben* und da wussten wir, dass wir etwas schlimmes getan hatten, Dich zu beerdigen. Wegen des unterirdischen Sauerstoffmangels.
Du lagst schon drei Tage metertief und wir hatten nur einen Teelöffel, die ganze Erde wegzugraben. Du standest neben uns und wurdest immer weniger und einer von uns grub immer schneller und da stieß er auf Deinen Zigarrenkistensarg und Du lagst drin und hast es nicht geschafft, weil wir Dich begraben hatten und es dort unten keine Luft zum Atmen gab. Und da kam dann der Zeitpunkt, an dem ich es nicht mehr aushielt und Aufstehen die bessere Alternative war.

*Wir hatten Dich alle im Arm.

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Das Kind auf dem Sattel

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Dr. Schmotzen hat an diesem Wochenende in Lichtgeschwindigkeit Fahrradfahren gelernt. Ich bin sehr beeindruckt.
Nachdem wir mittags mit töchterlicher Zustimmung ein toperhaltenes 18-Zoll-Fahrrad aus der pinken Genderhölle gebraucht erstanden hatten, beherrschte sie nach zwei Übungseinheiten bereits meterweises (»Nicht loslassen! Nicht loslassen!«) Fahren ohne Festhalten und einen Tag später dann völlig sowie ganz und gar freies (»Loslassen! Loslassen!«) Fortbewegen. Bremsen und Anfahren werden überbewertet.
Mit ihren fünf Komma fünf Jahren gehört sie bestimmt eher zu den späten Fahranfängern. Andere Kindergartenfreunde machten schon im letzten Sommer richtige Radtouren mit ihren Eltern.
Dafür hatte Dr. Schmotzen genug Zeit, ihren Gleichgewichtssinn auf Lauflernrad und Roller zu trainieren und sich durch Lektüre geistig auf die Strampeltechnik vorzubereiten. Ich kenne meine kleine Pappenheimerin und ihren Innovationsrhythmus.
Dass das dann so rasch und frustrationsfrei, dazu ohne Blutverlust geklappt hat, liegt aber auch an der exzellenten Anleitung durch den väterlichen Fahrlehrer, der es mit seinen beiden Beinen auf enorme, bislang ungesehene Geschwindigkeit bringt, während die Arme jederzeit auffangbereit um des Kindes Torso kreisen und die Augen den Streckenverlauf auf bewegliche Hindernisse analysieren. Gut gemacht, Mann und Kind.