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Dr. Schmotzen liegt im Wohnzimmer rum

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und schaut eine Ewigkeit aus dem Fenster in den Garten. Sie träumt mit offenen Augen.
»Dr. Schmotzen, denkst Du an was Schönes?«
»Ja! Soll ich sagen?«
»Wenn Du magst, gern.«
»Ich hab mir überlegt, ich könnte zaubern.«
»Das wär cool, was? Was würdest Du denn zaubern?«
»Dass Du eine Hexe wärst. Eine richtig böse. Und ich wär eine Prinzessin und Papa wär mein Prinz.«
Elektra, willkommen bei uns zu Hause.

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Deine blauen Hände

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Ich hab von Dir geträumt. Es war so ein Traum, bei dem man vom Weckerklingeln aufwacht, wieder einschläft und die Bilder nahtlos weiterlaufen. Immer wieder, bis man es nicht mehr aushält oder bis es Zeit ist, aufzustehen.
Wir hatten Dich in einen Raum gelegt, auf ein Bett. Weil wir Dich nicht begraben wollten. Wir wussten, wir sollten Dich besser begraben, aber dann hätten wir Dich nicht mehr sehen können. Wir sind jeden Tag zu Dir gekommen und haben Dich angeschaut. Und jeden Tag sahst Du weniger aus wie Du und mehr wie tot. Trotzdem wollten wir Dich paretooptimal lange nicht beerdigen. Auch wenn wir ahnten, das ist gegen Deine Würde. Und dann, da warst Du schon bestimmt fast zwei Wochen gestorben, sahst Du wirklich schlecht aus. Deine Hände waren dunkelblau und das war der letzte Beweis, dass Du mausetot warst und in die Erde gehörst. Wir konnten Deinen Anblick auch der Raumpflegerin nicht länger zumuten, so fürchterlich. Wir haben Dich begraben und es war sehr traurig und fühlte sich richtig an. Und als wir das verstanden hatten, saßest Du neben uns und warst nicht mehr tot und Deine Hände waren hautfarben* und da wussten wir, dass wir etwas schlimmes getan hatten, Dich zu beerdigen. Wegen des unterirdischen Sauerstoffmangels.
Du lagst schon drei Tage metertief und wir hatten nur einen Teelöffel, die ganze Erde wegzugraben. Du standest neben uns und wurdest immer weniger und einer von uns grub immer schneller und da stieß er auf Deinen Zigarrenkistensarg und Du lagst drin und hast es nicht geschafft, weil wir Dich begraben hatten und es dort unten keine Luft zum Atmen gab. Und da kam dann der Zeitpunkt, an dem ich es nicht mehr aushielt und Aufstehen die bessere Alternative war.

*Wir hatten Dich alle im Arm.

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Das Kind auf dem Sattel

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Dr. Schmotzen hat an diesem Wochenende in Lichtgeschwindigkeit Fahrradfahren gelernt. Ich bin sehr beeindruckt.
Nachdem wir mittags mit töchterlicher Zustimmung ein toperhaltenes 18-Zoll-Fahrrad aus der pinken Genderhölle gebraucht erstanden hatten, beherrschte sie nach zwei Übungseinheiten bereits meterweises (»Nicht loslassen! Nicht loslassen!«) Fahren ohne Festhalten und einen Tag später dann völlig sowie ganz und gar freies (»Loslassen! Loslassen!«) Fortbewegen. Bremsen und Anfahren werden überbewertet.
Mit ihren fünf Komma fünf Jahren gehört sie bestimmt eher zu den späten Fahranfängern. Andere Kindergartenfreunde machten schon im letzten Sommer richtige Radtouren mit ihren Eltern.
Dafür hatte Dr. Schmotzen genug Zeit, ihren Gleichgewichtssinn auf Lauflernrad und Roller zu trainieren und sich durch Lektüre geistig auf die Strampeltechnik vorzubereiten. Ich kenne meine kleine Pappenheimerin und ihren Innovationsrhythmus.
Dass das dann so rasch und frustrationsfrei, dazu ohne Blutverlust geklappt hat, liegt aber auch an der exzellenten Anleitung durch den väterlichen Fahrlehrer, der es mit seinen beiden Beinen auf enorme, bislang ungesehene Geschwindigkeit bringt, während die Arme jederzeit auffangbereit um des Kindes Torso kreisen und die Augen den Streckenverlauf auf bewegliche Hindernisse analysieren. Gut gemacht, Mann und Kind.

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Mein Freund das Pony

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Wir haben die Reiterei vor einigen Wochen wieder aufgenommen.
Nachdem uns die vorherige Reitlehrerin nach der ersten Reitstunde bereits samt Pony abhanden kam, haben wir im Februar einen anderen Stall gefunden, zu dem wir nun wöchentlich fahren, um unseren Nachmittag mit den Haflingern Coco und Nobel zu verbringen. Eine richtige Reitlehrerin gibt es dort nicht, eher eine Hofbesitzerin, die uns die Ponys zur freien Verfügung lässt und ab und zu mal nach dem Rechten sieht. Weil so kleine Pferde nur Menschen unter 50 Kilo tragen, ist das Kind der Reiter und ich der Pferdeführer. Find ich gut, andersrum wärs komisch.
Nicht nur Dr. Schmotzen hat in den vergangenen Stunden auf dem Ponyrücken einiges gelernt. Sie sitzt mittlerweile in bewundernswerter Haltung auf den ungesattelten Kleinpferden und fängt langsam mit der freihändigen Kunstreiterei an.
Auch ich merke, wie ich von Mal zu Mal besser mit den kleinen Dingern zurecht komme. Die machen es mir aber auch leicht. Coco etwa ist ein sehr langmütiges Pony. Als ich minutenlang versuchte, ihren Huf, um ihn zu säubern, in Kopfrichtung, statt gen Schweif umzuklappen, lächelte sie nur und wartete, bis ich selbst den Irrtum bemerkte. Sowas brauch ich ja. Liebevolle Duldsamkeit, die meine Unwissenheit erträgt und im Stillen hofft, dass ich ein nicht ganz langsamer Lerner bin.
Ich merke, wie mir die Tiere (und auch die drei Hofhunde, die mit beängstigend vielen Knochen hantieren) vertrauter werden, wie ich immer selbstverständlicher mit ihnen umgehe. Normalerweise fasse ich ja nichtmal die flauschigsten Küken gern an, weil sie mir vorher nicht schriftlich garantieren können, mich nicht zu beißen. Seit ich weiß, wie schön sich so ein warmer Pferdeschnauber auf der Haut anfühlt, würde ich am liebsten den ganzen Tag damit verbringen, meine Handflächen unter Pferdeschnauzen zu halten, sie von einer rauen Pferdezunge anlecken und von einem Schwall Atemluft wieder trockenpusten zu lassen. Und ich hab noch nichtmal das Bedürfnis, mir danach die Hände zu waschen. Living the life. Herrlich.
Ich freu mich auf einen Sommer auf dem Trampelpfad im gemächlichen Tempo neben einem Ponykopf.

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Ssßaterländer Apfelkuchen

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Als meine Oma an unserer statt hier gewohnt hat, buk sie gelegentlich Apfelkuchen. Der hieß Saterländer und das Anfangs-S kam rausgezischt wie Luft aus einem Ballon. Oma redete Platt und auch wenn ich kein Wort verstand, hörte ich dieser harten Sprache immer gern zu.
Einen Saterländer Apfelkuchen zu backen, ist nicht schwer. Er schmeckt süß und erfrischend und nach dem zweiten Stück ist mir über Stunden übel.
Allzu oft kann ich ihn nicht essen, aber dann und wann mache ich ihn doch und denke an die Frau, die hier so eigentümlich lebte.
Außerdem sieht er schön aus. Komm, ich zeig Dir, wie meine Oma ihn gebacken hat:

Für den Teig verknetest Du
__125 g Butter
__1 Ei
__100 g Zucker
__2 Päckchen Vanillezucker
__250 g Mehl
__1 Päckchen Backpulver
miteinander und flanschst ihn auf den Boden und an den Rand einer durchschnittlichen Springform.

Du putzt
__1 kg säuerliche Äpfel
schneidest sie in Scheiben und verteilst sie auf dem Teig.

Von
__750 ml Apfelsaft
nimmst Du ein paar Esslöffel ab und verrührst damit
__2 Päckchen Vanillepuddingpulver
__200 g Zucker
Den übrigen Apfelsaft kochst Du auf und gibst dann das Zucker-Puddingpulver-Gedöns dazu. Du rührst wie ein Verrückter, damit sich keine Klumpen bilden und sobald die Gelatine, oder was auch immer im Puddingpulver drinsteckt, ihre magischen Kräfte aus dem Revolvergürtel zieht und die Masse auf wundersame Weise fest werden lässt, kippst Du alles über die wartenden Äpfel.

Der Kuchen backt nun bei 200 Grad Celsius ungefähr eine Stunde lang im Ofen.
Danach wird er eine ganze Weile in Ruhe gelassen. Untersteh Dich, den Ring der Springform zu lockern. Solange der Kuchen nicht leichenstarr ist, wird er nicht angerührt, hast Du mich verstanden? Die Gelatine (oder welche giftigen Substanzen auch immer) hält erst dann die ganze Angelegenheit zuverlässig und stabil zusammen, wenn sie festgeworden ist und das dauert halt.

Solange wir dem Kuchen seine Zeit lassen, machen wir uns nun Gedanken, was wir als Bonus drauflegen.
Standard ist
__300 ml Sahne
__1 TL Honig
__Zimt
zu schlagen und auf den Kuchen zu geben. Ich zum Beispiel schmuggele manchmal Marzipanstückchen unter die Sahneschicht. Oder ich raspele Schokolade darüber. Oder ich bestreue sie mit gerösteten Mandelblättchen. Oder was auch immer halt. Karamellisierte Nüsse stell ich mir auch schmackhaft vor, eingelegten Kürbis nur eingeschränkt. Mach, wie Du meinst.
Hauptsache, Du nennst ihn Saterländer mit Schlangen-s, nicht Bienen-s.

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Schneekind

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Heute erwachte das Kind und es lag Schnee. Es rannte von Fenster zu Fenster und konnte sein Glück kaum fassen, denn überall war alles weiß. Sogar auf das Fußballtor hatte es eine Haube geschneit.
Dr. Schmotzen traf sich augenblicklich mit der Tante und dem Tantenfreund und baute Annika:
image

Dann kehrte sie zurück in den heimischen Garten und erschuf Christoph:

IMG_1417

Zwischendurch dekorierte sie die Wiese mit ein paar Schneeengeln.
Dr. Schmotzen verschließt nicht etwa den Blick, weil der Moment der Himmelswesenwerdung so gnadenreich ist und ein göttlicher Funke in sie dringt. Man kann hier eher gut erkennen, wie groß des Kindes Furcht ist, Wasser in die Augen zu bekommen, egal in welchem Aggregatzustand.

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Doppler und die Tüchtigkeit

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Auf ben_s Empfehlung hin habe ich »Doppler« von Erlend Loe gelesen. Es geht um einen Norweger, der in Norwegen seine norwegische Familie verlässt, um fortan allein im norwegischen Wald zu wohnen. Norwegen an sich ist aber total egal, es könnte auch in Deutschland spielen oder in der Schweiz. An einer Stelle nennt er die Norweger »zugleich das netteste und das egoistischste Volk auf Erden«, das lässt sich prima auf viele Orte unter der Sonne übertragen.
Doppler steht also im Wald und bekommt Hunger. Er überfällt einen Elch und rammt ihm ein Messer in den Schädel. Das passiert gleich auf den ersten Seiten und ist so komisch, dass ich beim Lesen sehr lachen musste und das, obwohl neben dem Elch ein Elchkalb steht und auf der Stelle verwaist. Doppler nimmt das Elchfleisch und tauscht damit Lebensmittel und Gegenstände im Dorf. Und er nimmt das Elchkind, tauft es und macht es sich zum Zeltmitbewohner.

Wer ist Doppler und warum zieht er in den Wald?
»Ich bin Radfahrer. Und ich bin Ehemann und Vater und Sohn und Arbeitnehmer. Und Hausbesitzer. Und jede Menge sonst. Man ist so vieles.« Und neuerdings hat er eine Baustelle im Badezimmer, einen Ohrwurm, eine elbisch sprechende Tochter und einen toten Vater. Man hat so vieles.
Dann fährt er mit dem Fahrrad in den Wald, bleibt mit dem Vorderrad stecken und fällt ins Heidekraut. Dort liegt er dann einen Nachmittag lang und denkt nach und kommt zu der Erkenntnis, dass er die Menschen im Ganzen nicht mag. Er geht nicht mehr zur Arbeit und zieht auf unbestimmte Zeit in den Wald, wo er an seinem persönlichen Totempfahl arbeitet. Doppler ist also ein ganz normaler, tüchtiger Mensch, der plötzliche aufhört, zu funktionieren und sich einen Lebensgegenentwurf sucht. Das finde ich interessant. Zufällig behandelte mein zuletzt gelesenes Buch »Pferde stehlen« von Per Petterson ein ganz ähnliches Thema, ein Mann zieht in den norwegischen Wald, denkt über seinen Vater nach und arbeitet mit Holz.
Monsieur LeGimpsi und ich machen uns im Moment Gedanken darüber, wie wir leben wollen. Wie die Verteilung von Tüchtigkeit und Muße gleichmäßig möglich ist und wie man sich so ein Leben mit zwei schmalen Gehältern leisten kann. Gern, ohne, dass man aussteigen muss und im Wald wohnt. Wir sind noch zu keinem Schluss gekommen, es ist ja auch eine ziemlich schwierige Frage.
Ich habe das schmale Buch sehr gern gelesen. Erlend Loe mag ich für seine originelle, hagere Komik, in »Jens. Ein Mann will nach unten« hat sie mich bestens unterhalten, hier ein zweites Mal.

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Fünf Teile sind mehr als drei

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Der Schokoladennikolaus des Kindes liegt noch immer originalverpackt auf dem Weihnachtsteller, neben Nüssen und einer verschrumpelten Mandarine. Es sind die letzten Überreste des Süßigkeitenfests.
Dr. Schmotzen fragt, wann sie ihn essen darf.
»Hm, wir teilen ihn in drei Teile und dann darfst Du an den nächsten drei Tagen einen Haufen essen, ok?«
»Ok. Oder wir machen fünf Haufen. Darf ich? Dann hab ich ganz viel Schokolade!«