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Tag 9: Im Ameisenland

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Ich habe eine Tasche genäht. Mit Innenverkleidung. Und vorn drauf hab ich den Namen des neuen Kindes freihandgestickt. Wobei ich nicht genau weiß, was sticken eigentlich ist. Ich hab halt die Großbuchstaben draufgenäht. Das war gar nicht so leicht und meine Hand-Fuß-Koordination ist viel schlechter, als ich dachte. So eine Nähmaschine rattert aber auch echt in ner Höllengeschwindigkeit, wenn man sie lässt.

Processed with VSCOcam with f2 presetZur Tasche angeleitet hat mich Dana. Die ist ganz schön streng und steht auf Bügeln und maßgenaues Arbeiten. Nach jedem Arbeitsschritt soll man immer alles bügeln und nachmessen. Hab ich nie gemacht, ich hab den Stoff höchstens mal mit der flachen Hand gradegezogen und statt nachmessen hab ich ziemlich kritisch und möglichst rechtwinklig geschaut.
Gut, dass das kein Volkshochschulkurs war, Dana hätte mich bestimmt sofort rausgeschmissen. Trotzdem bin ich ganz zufrieden, wenn man den Reißverschluss öffnet, sieht von innen alles tiptop aus.

Processed with VSCOcam with f2 presetDas hat den gesamten Vormittag gedauert. Dann war ich hungrig und habe mir das Lieblingsessen aus Bürokantinensternekochzeiten nachgekocht. Maultaschen mit angeschmelzten Zwiebeln und lauwarmem Kartoffelsalat. Der Sternekoch kanns besser. Aber der hat ja auch tausend Leute, die für ihn arbeiten und abschmecken und schnippeln. Am Ende richten sie dann minifuzzikleine Portionen auf den Tellern an. Meine Portion heute war größer. Und ich will mal sehen, was der für ne Tasche genäht hätte.

Zwischendurch musste ich mich um unsere aktuelle Ameisenkolonie kümmern. Seit ein paar Tagen bevölkert sie unser Wohnzimmer und baut einen städteplanerisch eindrucksvollen Wirtschaftsweg von der Schlafzimmertürecke bis zum Küchenschranksockel. Ameisen arbeiten ungemein effizient und planvoll. Die haben sogar einen kleinen Kreisverkehr errichtet. Außerdem kommunizieren sie ganz wunderbar. Ihre Straßen sind in beide Richtungen zweispurig. Alle paar Zentimeter gibt es Verkehrsinseln, auf denen sich die Ameisen der unterschiedlichen Richtungen treffen und einen kurzen Plausch halten. Das dauert aber nie länger als anderthalb Sekunden. Keine Ahnung, was die in der Zeit besprechen, Börsenthemen, vermutlich.
Die Ameisen sind wie ich. Ab Mittag hören sie mit der Emsigkeit plötzlich auf. Dann verziehen sie sich und lesen oder schauen Filme. Ich hab sie eigentlich ganz gern, trotzdem können sie nicht bei uns bleiben. Morgen werd ichs ihnen erklären.

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Tag 8: Vermessungen

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Das große Kind wurde in der Schuleingangsuntersuchung für voll tauglich befunden und ist somit für den Schuldienst zugelassen. Quasi T1-gemustert. Lediglich an der Stifthaltung soll es noch arbeiten, muss es aus meiner Sicht aber nicht. Als reine Linkshänderfamilie kennen wir uns mit nonkonformistischer Herangehensweise an die praktischen Dinge des Alltags bestens aus.
Bevor wir zur Amtsärztin durchgelassen wurden, galt es einige Tests im Vorzimmer zu bestehen. Ich kenne das schon von den Untersuchungen beim Kinderarzt: Solange die Leute im Raum keinen Doktortitel tragen, ist das Kind entspannt und voll funktionsfähig. Kommt die Autorität dann hinzu, versteifen sich die kleinen Schultern unmerklich und eine Prüfungsstimmung befällt die Tochter. Passiert ihr dann vor Aufregung ein Fehler, sacken die kleinen Schultern ab und die Frustration einer enttäuschten Perfektionistin befällt die Tochter. Alles noch sehr subtil und nach innengekehrt, aber für mich Dr. Schmotzen-Profi gut sichtbar. Kenn ich außerdem selbst zu gut, been there, done that, mein Leben lang. Obrigkeitenneurose.

Das kleine Kind wurde ebenfalls vermessen und für voll tauglich befunden. Kurzzeitig schaltete die Ärztin das Ultraschallgerät auf die gefürchtete 3D-Ansicht. Hätte sie mich besser mal gefragt, ich hätt ihr davon abgeraten. Dieses neumodische Technikzeug liegt mir überhaupt nicht. Dit is mir alles viel zu hysterisch. Jetzt hab ich hier so einen bröckeligen Mondlandschafts-Ausdruck liegen und weiß überhaupt nicht, was ich damit anfangen soll. Am Ende sieht die Dame doch wieder ganz anders aus und ich hab mich umsonst gegruselt, dass es die krasseste Stupsnase aller Zeiten hat.

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Tag 7: Üüübel

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Die Übelkeit kam heute zurück und blieb direkt den ganzen Tag zu Besuch. Andreas Baader hat den Zustand dann auch nicht besser gemacht.
Morgen gehts bestimmt wieder besser. Vormittags Einschulungsuntersuchung beim großen Kind, nachmittags Ultraschalluntersuchung beim kleinen Kind.

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Tag 6: Familie als repressiv neurotischer Zwangsverband

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Ich habe heute festgestellt, dass eine etwa einstündige Aktivität mir genug Gewissensruhe gibt, den Rest des Tages genussvoll zu faulenzen.
Letzten Donnerstag, als ich nix gemacht hab und den Tag mit Tom Cruise auf dem Sofa verbrachte, ereilte mich ein lethargisches Stimmungstief. Nix machen ist also keine Option. Bereits eine Stunde Aufräumen, Gartenarbeit oder wie heute ein Spaziergang in Schneckengeschwindigkeit reichen, um mich sehr zufrieden zu stimmen und die Protestantin in mir so zu ätherisieren, dass im Anschluss der sofortige Feierabend ausgerufen werden kann. Ich finde, das ist ein ganz erstaunliches Mischverhältnis.

Ich bin total Pleite, darum werde ich den Rest des Monats nur noch Kartoffeln mit Quark essen und meine Küchenambitionen auf Mai verschieben.

Processed with VSCOcam with f2 presetNach dem Spaziergang habe ich begonnen, die aktuelle Geo Epoche zu lesen. Im ersten Kapitel wird sehr schön die Genese der Roten Armee Fraktion beschrieben. Irgendwie war die Gewalt von Anfang an vorauszusehen und unvermeidlich. Nicht unbedingt die der RAF, aber eben doch das etwas militantere Interpretieren von Demonstrationsrecht in den Sechzigern. Wobei Leute wie Fritz Teufel das ja zunächst durchaus gelungen auf satirische und entlarvende Weise betrieben haben. Ach, das hätte noch so gute Wege nehmen können. Und dann ist die moderate Bewegung irgendwie versandet und ein kleiner Teil hat sich mit der RAF neu aufgestellt und Irrsinn verbreitet.
Jedenfalls freu ich mich über diese Geo-Ausgabe. Monsieur LeGimpsi ist mehr so Karl der Große-Leser, ich mag den jüngeren Kram.

Der Mann, das Kind und ich haben uns auf einen Namen für das neue Familienmitglied geeinigt, sollte zwischenzeitlich nicht noch eine goldfunkelnde Alternative vom Himmel fallen. Wir drei hatten jeweils unterschiedliche Präferenzen, gerechterweise kam niemand mit seiner durch. Haben wir also nach alter Kommune 1-Manier auf Autoritätsgebärden verzichtet und die Kompromisslösung gewählt, mit der wir nach langen Debatten nun sehr, sehr zufrieden sind.

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Tag 5: Huch, ein Kleinkind

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Heute also Besuch mit zehnmonatigem, sehr regem Nachwuchs. Unser Wohnzimmer ist gar nicht so kinderunsicher, wie befüchtet. Da müssen wir nicht mehr viel umstellen, ein paar Steckdosenschutzkappen drantackern, das wars. Die Bücherregale werden zwischenzeitlich ein Problem sein, so von der Krabbelphase bis die Dame zwei ist, vielleicht. Aber da hab ich mir schon überlegt, einfach Monsieur LeGimpsis Bücher in die kritischen, erreichbaren Fächer zu stellen.
Das war eine interessante Runde heute. Zwei Omas, zwei dreißigjährige Töchter und ihre beiden Kinder. Die Omas sind Freundinnen seit sie Kinder waren, die beiden Dreißigjährigen haben darum schon seit ihren ersten Tagen auf dieser Welt zusammen rumgehangen und ihre beiden Kinder lernen sich zumindest grad kennen.

PastaZu Mittag gabs für mich bewährtes, pragmatisches Lieblingsessen: Drei Sorten gefüllte frische Nudeln in Butter mit Tomaten, Avocado, Parmesan, Basilikum und Kräutersalz auf angedatschtem Teller. Schnelle Sache, entspannte Sache, beste Sache.
Morgen: Wochenende. Da bin ich dann also nicht allein, das ist schön. Baby-Flohmarkt besuchen, Gartenarbeitseinsatz absolvieren, Postbotenlieferung ausprobieren, Lokalhandballspiel schauen.

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Tag 4: Ein großes Gähnen

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Heute war nix. Ich stand mit größter Schlappheit in den Knochen auf und legte mich gleich nachdem Dr. Schmotzen im Kindergarten verstaut war wieder ins Bett. Und dort dann hab ich zwei Tom Cruise-Filme geschaut und mittags nichtmal was neues gekocht. Das hat mich alles ganz unzufrieden gemacht. Dit war kein so guter Tag. Der Mann sagt, sowas muss es auch mal geben, das ist schon ok.
Morgen kommt Besuch, da wird gebacken. Außerdem bringt der Postbote vermutlich meine erste Investition als westdeutsche Hausfrau der 80er Jahre. Darauf bin ich sehr gespannt.

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Tag 3: Aufm Acker

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Der Tischler stand um neun vor der Tür. Er reparierte in Lichtgeschwindigkeit zwei Rollläden und die Badezimmertür, die hängt in einer abenteuerlich eingebauten Zarge, hatte sich aus lauter Frust verzogen und ließ sich vor allem von innen nur noch schwer zuziehen. Eigentlich brach dabei jedes Mal die Klinke ab.
Wir wohnen in einem sehr schiefen Haus. Das fällt jedem Handwerker immer direkt auf und dann wundert er sich erst ein wenig und dann ärgert er sich sehr und fängt an, handwerklich zu improvisieren und hofft, dass das Baugewerbeaufsichtsamt nichts von der Bastelei erfährt. Oder halt irgendwelche anderen Sachverständigen. Die Handwerker tun mir immer sehr leid.
Dass hier alles so schief ist, liegt daran, dass mein Opa das Haus damals zusammen mit fünf betrunkenen Bauern selbst gebaut hat. Mein Opa war Friseur und zwar für Damen- und Heerenköpfe. Als Friseur war er bestimmt ganz okay, als Hausbauer eher nicht. Wie die meisten Nachkriegsprivatimmobilien hat unser Haus nicht eine gerade Wand und keinen symmetrischen Grundriss. Unsere Bücherregale schließen unten mit der Leiste ab, nach oben hin stehen sie in der Regel fünf Zentimeter weit weg von der Wand.

HausÜber die Jahre wurde das Haus andauernd grundlegend verändert. Vor allem stückweise vergrößert. Anscheinend waren auch damit keine Fachkräfte beauftragt. Mein Opa war inzwischen Industriemeister, er hatte sich also eher vom Handwerk wegbewegt, trotzdem baute er weiter. Warum, frag ich mich. Aus einem ursprünglich klein konzipiertem Haus ist im Laufe der Zeit ein Haus geworden, in dem zwei Familien Platz haben. Aus drei Zimmern sind fünfzehn geworden. Alle paar Jahre wurde Raum für einen weiteren Menschen geschaffen, so kann man das etwa sagen. Jede Zimmerwand war irgendwann also einmal eine Außenwand. Wir haben sehr dicke, massive Wände. Wenn du einen Nagel reinschlagen willst, verbiegt er sich. Wenn du ein Bild aufhängen willst, brauchst du eine Bohrmaschine. In den Siebzigern ist mein Opa aus dem Haus ausgezogen. Er lebte in der Stadt und war Tennislehrer.

Processed with VSCOcam with g3 presetIch habe dann nach kurzer Rücksprache mit mir den Plan geändert und den Kickoff zur Gartenarbeit auf heute vorverlegt. Schränke ausmisten geht auch bei schlechtem Wetter. Das halbe Beet wurde entmoost, einige Regenwürmer dabei verdoppelt. Sorry, guys. Der Schattenbereich ist nun bereit für die Bepflanzung. Ich streu da einfach ein paar Wildblumenwiesensamen aus, das reicht. Der sonnige Teil ist morgen dran, irgendwo unter dem Gestrüpp liegt ein kleines Kräuterbeet, ich muss mal schauen, ob das noch zu retten ist.

Zu essen gabs heute Ellas Kumpir. Meine Güte, das war wirklich sehr, sehr lecker.
Processed with VSCOcam with g3 presetOfenkartoffeln finde ich eh gut, die schmecken nochmal besser und kartoffeliger als Pellkartoffeln. Zusammen mit der Gemüse-Käsefüllung und der Joghurtsauce war das ein richtig glücklichmachendes Mittagessen. Meine Version des Kumpirs bestand aus gegrilltem Gemüse (Zucchini, Champignons und Paprika), Frühlingszwiebeln, Tomaten, Gurken, Mais und Feta. Bei der zweiten Kartoffel hab ich drauf verzichtet, ihren Bauch mit Butter und geriebenem Käse zu vermischen. Hab sie einfach nur mit dem Gemüse und der Sauce gefüllt. Geht gut.
Jetzt Feierabend: lesen und dösen.

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Tag 2: Am Rande des Wahnsinns

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Na, dit läuft ja wie am Schnürchen:
Hab ich doch gestern tatsächlich den Vorratsschrank aufgeräumt und den Kühlschrank geputzt. Und heute morgen, zack aufgestanden und mich dem Todfeind Kinderzimmer gestellt. Drei Stunden haben wir miteinander gekämpft, es war nicht leicht. Zweifle an der geistigen Gesundheit des Kindes. Habe in jeder Schublade dem Wahnsinn ins Auge geblickt. In einer fand ich ein Büschel Haare, keine Ahnung, wann es sich das abgeschnitten hat. In einer anderen in Milliarden Fitzchelchen gerissenes Kunststoffverpackungsmaterial, das sich statisch an drei Kilo Playmobilmännchen schmiegte und einzeln abgezupft werden musste. Ich fand so viele zerknüllte Taschentücher um ein ganzes Rind mit ihnen auszustopfen, Kassettenbandsalate und allerhand, das aus der Küche entwendet wurde. Am Ende habe ich vier Abfalltonnen gefüllt: Papier, Restmüll, Gelber Sack, Biotonne. Dann war ich fertig.

Ich habe zum ersten Mal Anke Gröners Rote Linsensuppe gekocht und auf wundersame Weise hatte ich jede Zutat auf der Stelle parat. Außer frischem Koriander, den hab ich am Ende durch Petersilie ersetzt. Und geröstete Senfkörner hatte ich auch nicht, die hab ich durch nichts ersetzt.
Processed with VSCOcam with g3 presetDie Suppe ist ziemlich würzig und schmeckt mir gut. Nicht unfassbar atemberaubend gut, aber solide, kann man machen. Außerdem bringt sie viel Eisen mit und das hab ich nötig. Im Moment versuche ich, den Eisenmangel durch eine angepasste Ernährung auszugleichen. Und Kräuterblut. Kräuterblut ist echt das letzte. Das schmeckt wie abgestandenes Wasser aus der Regentonne, in der einen ganzen Sommer lang alte Nägel rumrosteten. Hilft nix, die Blutwerte müssen steigen, sonst kann die Geburt nicht im Geburtshaus stattfinden, die haben da eine strikte No-Eisenarmut-Policy.
Processed with VSCOcam with g3 presetAls Wiedergutmachung mit der Tochter habe ich dann den letzten Erdbeer-Nachtisch gegessen. Der war von gestern noch übrig und eigentlich ihr versprochen. Aber als Reparationsleistung für ein sauberes Kinderzimmer geht das wohl in Ordnung. Der Mann hat eine ganze Menge dieser kleinen Gläser heute mit ins Büro genommen. Drin ist eine unfassbar unelegante, aber ziemlich leckere Mischung aus selbstgemachtem Vanillepudding, geschlagener Sahne, Quark, pürierten Erdbeeren und weißen Schokoladensplittern. In kleine Weckgläser gefüllt, sieht das dann ganz nett aus.
Jetzt Mittagspause mit anschließendem Feierabend. Morgen früh kommt der Tischler und repariert ein paar Rollläden.

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Tag 1: Der Beginn der Ewigkeit

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In der vergangenen Woche war mein letzter Arbeitstag. Jetzt liegt eine drei Monate große Freifläche vor mir, heute fängt sie offiziell an.

Processed with VSCOcam with se3 presetDie Menschen im Büro haben mir den Abschied äußerst schwer gemacht, sowas können sie gut. Ich trage eine von ihnen selbstgebastelte Fibel bei mir, in der sie gesammelt haben, was ich mit meiner Zeit so anstellen könnte. Quasi ein personalisiertes Zirkusprogramm inklusive eigens kuratierter Einkaufstipps. Das ist großartig und wird dringend benötigt. Habt vielen Dank, Lieblingsmenschen ausm Büro!

Bevor der große Spaß aber beginnt, steht in dieser Woche ausmisten und aufräumen an. So hab ich das gestern beim Übergang in den Mittagsschlaf zumindest geplant. Sogar richtig professionell mit Aufschreiben und Wochentagzuordnung:
Montag: Vorratsschrank und Küchenvertiko
Dienstag: Dr. Schmotzens Zimmer
Mittwoch: Flurschrank und jede Malm-Kommode, die ich finden kann
Donnerstag: Schlafzimmerschränke und finaler Abtransport zum Wertstoffhof
Freitag: frei
Samstag: Kickoff Gartenrenovierung

Ich hab mir das so gedacht, dass ich die Rümpelei morgens erledige, dann zu Mittag was nettes kleines koche und direkt Feierabend mache: lesen, in der Sonne liegen, Filme schauen, sowas. Anschließend wird das Kind abgeholt. Das hat sich in dieser Woche direkt mehrfach außerhäusig verabredet, da hab ich also noch mehr Zeit allein. Mir ist eingefallen, montags ist Damenschwimmen im Hallenbad. Könnt ich mir ja für nachmittags mal überlegen. Das Durchschnittsalter beträgt etwa siebzig, auch unterm Personal, das find ich angenehm.

Der Tag heute hat leider maximal ungünstig begonnen. Quasi mit dem worstcase aller größten anzunehmenden Unglücke: Es gab einen beträchtlichen Spinnenvorfall und ich war allein in der Wohnung. Warum wohn ich denn mit dem Mann zusammen? Wegen der ganzen Liebe und Familiensache, die wir zusammen haben, aber natürlich auch, damit er sich um die Spinnenvorfälle kümmern kann. Also die beträchtlichen, die normalen, die kann ich selbst wegorganisieren. Und dann ist er im entscheidenden Moment nicht da und das dicke Ding und ich sind auf uns allein gestellt. Zum Glück hatte ich meine Brille noch nicht aufgesetzt. Mit 0,5 Dioptrien weniger als gesund, wirkte sie nicht ganz so bedrohlich, ich konnte noch nicht mal ihr Fell erkennen. Aber ich wusste natürlich, was für ein Monster da in echt, also mit klarer Sicht, vor mir sitzt. Ich hab mich dann gekümmert, aber nochmal mach ich das nicht.

Ich fange jetzt an. Vorratsschrank und Küchenvertiko, los gehts.

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Was kann ich machen?

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Ich muss noch sechsmal ins Büro und dann nicht mehr. Dann hab ich drei Monate frei bis das neue Kind kommt. Das liegt an den vielen Urlaubstagen, die ich aus dem letzten Jahr rumschleppe. An den sechs Tagen muss ich noch einen Artikel und zwei Kolumnen schreiben. Und Rechnungen. Und die Übergabe an meine Vertretung zu Ende bringen. Und den ganzen täglichen Quatsch abwickeln, der so über meinen Schreibtisch läuft, von dem man erst in dem Moment erfährt, in dem die Mail ins Postfach flattert oder das Telefon klingelt oder jemand vor mir steht, der mir sagt, kümmere dich bitte um den Quatsch. Und ich muss noch meinen Platz aufräumen und die Mails der letzten vier Jahre wegsortieren. Und ich muss so viel Zeit wie möglich mit den ganzen Leuten verbringen, was nicht leicht ist, weil jetzt grad alle Urlaub haben. Ha, das werden lustige sechs Tage.

Und dann hab ich drei Monate frei. Was macht man mit so viel Zeit, frag ich mich. Sommersemesterferien haben drei Monate gedauert. Da hab ich dann ein Praktikum gemacht und Klausuren geschrieben. Soll ich ein Praktikum machen? Nee. Ich bin jetzt dreißig, die Zeit für Praktika ist vorbei.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mir die Tage vollzupacken, während ich hier allein rumbrösele. Dem Kind stehen die allerletzten Monate im Kindergarten bevor, es will dort noch mal maximal viel Zeit verbringen, wird also bis in den tiefen Nachmittag hinein nicht verfügbar sein. Der Mann ist im Büro, der verbringt dort eh immer maximal viel Zeit.
Jetzt gibt es aus meiner Sicht rein jahreszeitenmäßig schlimmeres als zwischen Mitte April und Mitte Juli frei zu haben. Mitte November bis Mitte Februar zum Beispiel, das schlüge mir in seiner Matschigkeit sehr aufs Gemüt, ich kenn mich doch.
Also. Bislang habe ich folgende Ideen, was ich drei Monate lang zwischen 8.30 und 16 Uhr so machen könnte, beginnen wir mit dem Nützlichen:

Ausmisten und aufräumen. Dr. Schmotzens Zimmer ist ein schlimmer Ort. Dr. Schmotzen ist eine Sammlerin und Bewahrerin und schmeißt nichts weg. Sie stapelt und stopft solange, bis keine freie Oberfläche mehr sichtbar und keine Schublade schließbar ist. Da könnt ich ja mal so richtig entsorgen und grundreinigen. Und vielleicht streichen und umräumen.
Wenn ich mit dem Raum fertig bin, gehe ich jeden Schrank unserer Wohnung durch und schmeiße alles weg, was wir nicht brauchen. Ich werd mich von allem trennen, was überflüssig ist und ich bei einer akuten Brandsituation nicht retten würde. Und dann fahr ich alles zum Wertstoffhof und zum Altkleidercontainer und zum Secondhandladen und wir wiegen direkt eine halbe Tonne weniger.

Garten. Wenn das Wetter schön ist, könnt ich mich ja mal um die achtzig Hektar Land vor der Haustür kümmern. Zumindest mein kleines Kräuterbeet entmoosen und drumherum ein paar Blumensamen ausstreuen. Die Grasbüschel zwischen den Steinchen des Kiesbeets rupfen und den Rasen vertikutieren. Wenn ich unbedingt will, könnte ich die ganzen umliegenden Beete von Unkraut befreien. Ich könnte mit den Erntehelfern auf dem Spargelfeld rumstechen.
Nun ja. Ich bin froh, wenn ich am Ende das kleine Kräuterbeet wiederbelebt habe.

Schwimmen. Ich muss mich mal so langsam wieder ein wenig sportlich betätigen. Der Mann hat leider die unterste Kommodenschublade im Schlafzimmer aufgebrochen, die hatte sich so angenehm verzogen. Da lagerte seit 2008 neben einer riesigen toten Motte mein Schwangerschaftsbadeanzug, der hätte dort ruhig noch bleiben können. Jetzt ist er frisch gewaschen. Damals war ich ein paar Mal im Freibad schwimmen, um nach der langen Liegezeit zu schauen, welche Muskeln noch an Bord sind. Ich weiß bis heute, wie sehr ich das gehasst habe. Ich bin immer genau 50 Bahnen geschwommen und nach der achten vor Langeweile eingeschlafen. Schwimmen ist echt das letzte. Dazu kommt meine grundsätzliche Furcht vor Haien, auch im Schwimmbad. Sobald mich Wasser umgibt, stelle ich mir vor, wie das ist, von einem Hai gebissen zu werden. Dann wird alles um mich rum ganz rot vom vielen Blut und ich schwimme ja eh so langsam und komme darum in der Notsituation nicht rechtzeitig zum Rand, um gerettet zu werden. Und der Hai ist ehrgeizig und lässt nicht locker und beißt immer weiter ab. Das ist doch nicht normal.
Ich bin eine ziemlich schlechte Schwimmerin. Ich kann nur Brustschwimmen und mich auf dem Rücken treiben lassen. Ich strecke meinen Kopf immer sehr weit aus dem Wasser raus, damit nichts in die Augen kommt, denn sonst muss ich anhalten und mir die Augen wischen und dann dauert alles noch länger und die scheiß 50 Bahnen gehen nie zu Ende.
Naja, jedenfalls könnte ich ja mal aus gesundheitlichen Gründen schwimmen gehen.

Kommen wir zum gemütlichen Rest:
Proust lesen. Will ich schon seit langer Zeit, könnt ich ja jetzt mal machen.

Spazieren gehen. Meine Mutter ist eine Kennerin der örtlichen Flora und Fauna und würde am liebsten von morgens bis abends im Wald rumstromern. Da könnte ich sie ja begleiten, es gibt an einem Sommervormittag wohl nichts schöneres.

Kochen, jeden Tag was neues. Wenn ich mir so anschaue, was Anke Gröner oder Ella vor sich hinkochen, so aus dem Handgelenk, schmeckt das in meiner Vorstellung jedes Mal äußerst lecker. Ich hab große Lust, mich jeden Tag eine Speise weiter durch ihre Rezeptsammlungen zu kochen.

Seit ich gesehen habe, wie umkompliziert es ist, Innenfutter einzunähen, plane ich, fließbandmäßig diese pupsig einfachen Taschen zu produzieren. Habe mir direkt 39 Reißverschlüsse bestellt und werde loslegen, sobald ich schöne Stoffe entdeckt habe. Falls jemand ein bis zwölf Taschen gebrauchen kann, soll er sich ruhig melden. Sonst bring ich sie im Rahmen der Aufräumaktion direkt zum Wertstoffhof.

Beim Stricken hab ich gemogelt. Das hab ich nämlich schon erledigt, als es mir im Januar besser ging. Und zwar eine Babydecke, sehr schlicht und unkompliziert. Jetzt hab ich irgendwie keine Idee mehr, was ich noch stricken könnte. Ich zähl ja nicht so gern Maschen, ich mags lieber, wenn ich nicht viel falsch machen und nebenbei Podcasts hören kann. Darum fallen sämtliche Anleitungen für Jäckchen oder Socken weg.

Zum Podcasthören eignet sich natürlich Puzzeln sehr gut. Puzzeln finde ich großartig, auch gern mit Dr. Schmotzen an meiner Seite. Es gibt nichts kontemplativeres.

Ich sammele mal noch ein wenig weiter. Ab Ende Juni werd ich dann auch so typischen Mutterschutzkram machen, Babysachen waschen und ne Wickelkommode aufbauen und so.
Mal sehen. Vielleicht werden die drei Monate am Ende gar nicht so schlimm, wie ich glaube.